Über das Buch

Mit The Pregame - Love meets Ice begibt sich Jenna Stean wiederum in das Genre des romantischen Sportromanes, wobei diesmal Eishockey die Liebesstory umrahmt. Das Buch ist seit 29. Januar 2021 bei Amazon erhältlich. Auf dieser Seite geben wir Ihnen erste Einblicke in die Handlung des Romans und hoffen somit, Sie für diesen begeistern zu können.

Zum Spannungsaufbau bieten wir Ihnen hier bereits den Klappentext, die Cover, Informationen zu den Hauptfiguren sowie diverse Leseproben an.

Daten zu "The Pregame - Love meets Ice"

Veröffentlichung: 29.Januar 2021 bei Amazon
Seitenzahl: 603 (eBook), 429 (Druck)
Preis: 2,99 € (eBook), 13,90 € (Druck)
ISBN: 979-8590952151

Klappentext

Er ist die heißeste Versuchung am Eishockeyhimmel, doch sie darf keinesfalls schwach werden.

Hayden hat ihren Traum von einer Eiskunstlaufkarriere begraben. Leider fehlt ihr ein Plan B. Doch dann hat ihr Bruder einen Unfall und das Sportstipendium, das ihm das Boston College angeboten hat, ist in Gefahr. Die Geschwister fassen einen Plan: Hayden übernimmt undercover die Position ihres Bruders im Eishockeyteam, bis er wieder einsatzfähig ist. Schnell bereut sie ihre Entscheidung, als ihr Dean Manzano als Mitbewohner zugeteilt wird. Obwohl der attraktive Captain des Eishockeyteams ziemlich frech und selbstgefällig ist, geht er ihr unter die Haut. Und je näher sie sich kommen, desto schwieriger wird es für Hayden, ihre Rolle zu spielen.

Aber was hat Dean zu verbergen? Offenbar ist Hayden nicht die Einzige mit Geheimnissen. Auch er spielt mit verdeckten Karten und verfolgt eigene, dunkle Ziele …

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Die Cover zum Buch

Hayden und Dean - Steckbriefe zu den Hauptfiguren

Hayden Rice, 21 Jahre

Familie:Die Eltern leben in Brunswick. Sie hat einen zwanzigjährigen Bruder. Carter spielt Eishockey, Position Flügelstürmer. Hayden ist am College und studiert Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt Management am Bowdoin College und macht als Sport Eiskunstlauf.

Freunde: Rachel, June, Jamie

Beziehungen: Eislaufpartner Sasha

Charakter: empathisch, zielstrebig, humorvoll, beweist Durchhaltevermögen

Äußeres: mittelgroß, schlank, blaue Augen, langes braunes Haar

Besonderheiten: Sie mag ihre kleinen Brüste nicht.

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Dean Manzano, 21 Jahre

Familie: Er wächst ohne Vater und Geschwister auf. Seine Mutter lebt in Sharon, die Familie hat italienische Vorfahren. Dean ist Captain des Eishockeyteams, Position Center. Er studiert Sportmanagement am Boston College.

Freunde: Scott, Paxton, Zane und Brian

Beziehungen: kurze Flirts

Charakter: zuverlässig, humorvoll, selbstbewusst, hartnäckig

Äußeres: groß, muskulös, braune Augen, dunkle Haare

Besonderheiten: Dean verabscheut seinen Vater, weil er nichts mit ihm und seiner Mutter zu tun haben will.

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Kapitel 1 - Hayden

Kein Grund zur Panik

Warum tat ich mir das an?
Wie jeden Samstag hing ich im einzigen Club unserer kleinen Stadt Brunswick herum. Ich saß auf dem Barhocker und sinnierte darüber, wie meine Zukunft hätte verlaufen können, wenn ich nicht vor fünf Monaten alles hingeschmissen hätte.
Vor drei Wochen war ich einundzwanzig geworden. Und was hatte ich nun vorzuweisen?
Nichts, außer ein abgebrochenes Studium und eine abgebrochene Karriere als Eiskunstläuferin.
Yeah, wenn das kein Grund zum Feiern ist, dachte ich voller Sarkasmus.
Ich trank einen Schluck Gin Tonic und warf einen Blick zu Paul, der seinen Dienst hinter dem Tresen schob. Nachdenklich musterte er mich.
»Sasha ist ein Arsch. Er ist es nicht wert, dass du überhaupt noch an ihn denkst«, sagte er mit einem mitfühlenden Lächeln.
»Lass, Paul«, winkte ich lahm ab. »Kümmere dich lieber um die Bar.« Gefrustet leerte ich das Glas. »Wie du meinst, deine Entscheidung.« Paul zuckte mit den Achseln und wandte sich einem Typen zu, der bei ihm eine Bestellung aufgeben wollte.
Gott sei Dank hatte Paul Kundschaft. Ich hatte keine Lust, mit ihm über Sasha und das ganze Desaster zu reden.
Das Schicksal hatte mich mit einem harten Knockout niedergestreckt. Es war Ende September gewesen, vier Wochen nach Beginn des Herbstsemesters. Ein Unfall. Bänderriss am Sprunggelenk.
Ich starrte ins Glas. Ein halbes Jahr war das jetzt her, und es waren keine schönen Erinnerungen.
Damals war Sasha mein Freund und Eiskunstlaufpartner gewesen. Während eines Trainings hatte er mich bei einer Hebefigur fallenlassen. Absicht? Vielleicht. Ich hatte zumindest den Verdacht, um es vorsichtig auszudrücken. Er wollte mit Ana wieder zusammen sein. Sie war vor mir seine Freundin und Partnerin gewesen. Für ein Jahr hatte sie ihr Glück in Ohio versucht, um mit irgendeinem Ukrainer im Paarlaufen groß durchzustarten. Nachdem das schiefgegangen war, war sie reumütig nach Brunswick zurückgekehrt. Gleich nach dem Unfall hatte sie meinen Platz neben Sasha eingenommen. Nicht nur auf dem Eis.
Und als wäre der ganze Mist nicht schlimm genug gewesen, hatte ich auch noch mein Sportstipendium am Bowdoin College verloren, weil ich für Wochen ausgefallen war. Man hatte mich in keiner Trainingsgruppe mehr unterbringen können. Dabei hatten Sasha und ich Ziele gehabt. Wir wollten zu den Olympischen Spielen. Mit dem Unfall waren meine Träume zerbrochen, weshalb ich dann auch nicht mehr studieren wollte. Ich hatte es nicht ertragen, den miesen Verräter und seine Bitch händchenhaltend und knutschend auf dem Campus zu sehen.
Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, hatte ich die Schlittschuhe in einen Karton gepackt und dem College meinen Hintern gezeigt.
Heute war ich über Sasha fast hinweg und ich bereute inzwischen den Studienabbruch.
Hätte ich doch bloß …
Verdammt, wenn ich noch länger über das Ganze grübelte, würde ich sentimental werden. Ich musste die dunklen Gedanken wegspülen, bevor sie mich tiefer zogen.
Ich hob mein Glas und wedelte damit in der Luft herum: »Hey Paul, mix mir noch einen Gin Tonic.«
Paul kam zu mir geschlendert. Er legte die Unterarme auf den Tresen, verschränkte die Finger ineinander und beugte sich vor. »Reden willst du nicht, Hayden.« Er deutete mit dem Kinn zu meinem Glas. »Aber das da ist auch keine Lösung. Hast du nicht langsam genug getrunken?«
Ich zog die Stirn in Falten. »Hey, das geht dich einen Scheiß an.«
Paul sah mich einen Moment schweigend an. Dann stieß er mit einem Kopfschütteln einen Stoßseufzer aus. »Am besten, ich hole Carter. Sonst fängst du wieder mit sinnlosen Pöbeleien an.«
»Echt jetzt?« Fassungslos starrte ich ihn an und presste verärgert die Lippen zusammen. Eindeutig spielte Paul auf meinen Absturz von letzter Woche an. Ich hatte es mit dem Alkohol ein bisschen übertrieben gehabt und mich gegenüber einigen Clubgästen verbal daneben benommen. An meine genaue Wortwahl konnte ich mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich besser so. Trotzdem hatte er kein Recht, mich zu bevormunden.
»Das ist kein Scherz, du willst wirklich meinen Bruder anrufen?«, echauffierte ich mich. »Falls dir das entgangen ist: Ich bin volljährig.« Typisch Paul. Er wollte unbedingt Carters besten Kumpel raushängen lassen.
Demonstrativ knallte ich das Glas auf den Tresen. »Vergiss mal ganz schnell deinen tollen Einfall, um den dich niemand hier gebeten hat, und serviere mir meinen bestellten Gin Tonic. Comprende, amigo?«
»Alles klar bei dir?«, fragte June. Sie und Rachel gesellten sich links und rechts zu mir. Ich verdrehte die Augen, weil ich keine Lust auf Konversation hatte. Meine Freundinnen waren zum Tanzen und Kerle aufreißen hier, ich war das bemitleidenswerte Anhängsel, das alleine an der Bar herumhing. Was sollte ich auch machen? Rachel und June nervten mich jeden Samstagabend damit, mir ein bisschen Spaß zu gönnen. Und weil ich keine Lust auf ihre stundenlangen Überredungskünste hatte und ein netter Mensch war, ging ich mit. Ich fragte mich zum zweiten Mal, warum ich mir das überhaupt antat.
Dabei war ich früher gern feiern gewesen, als mein Leben noch … Schnief. Ich fing gleich wieder an zu jammern, obwohl ich das unterlassen wollte.
Ich ignorierte meine Freundinnen, starrte weiter Paul an und bemühte mich, ihm telepathisch zu übermitteln, dass er mir einen Drink mixen sollte.
Doch der Typ ignorierte meinen Blick und zückte stattdessen sein Handy. Ich stöhnte, weil er es echt drauf hatte, Carter anzurufen, damit der herkam, mich vom Hocker zog und aus dem Club schaffte.
»Na wunderbar«, knurrte ich, missmutig mein leeres Glas betrachtend. Paul wusste, wie er mir den Abend komplett vermiesen konnte. Einen neuen Drink würde ich heute mit größter Wahrscheinlichkeit nicht mehr bekommen. So ein Spielverderber.
Rachel pflanzte ihren Hintern auf den Barhocker, June winkte mit dem Zeigefinger Paul zu sich heran, bevor sie sich auf ihren Hocker hievte. »Mixt du uns zwei Mojitos?«
»Nope, wir sind in einem Kinderclub, der Paul gibt nur Softdrinks aus«, knurrte ich in seine Richtung. Paul rollte mit den Augen. »Im Gegensatz zu dir sind diese beiden Ladys fast nüchtern, Hayden.«
»Na klar doch, ich bin betrunken«, reagierte ich angepisst. Paul übertrieb maßlos. »Dann zeig ich dir mal, wie stark betrunken ich wirklich bin.«
Ich spürte Rachels und Junes Blicke auf mir ruhen, während ich Paul wütend anfunkelte.
»Wie viele Gin Tonics hast du denn gehabt?«, wollte Rachel wissen. »Wir sind doch erst zwei Stunden hier. Du hast gesagt, du hältst dich zurück.« Ihnen gefiel es nicht die Bohne, dass ich mir die Clubabende schön soff, aber irgendwie ertrug ich nur mit Alkohol die gut gelaunten Leute um mich herum. Das sollten meine Freundinnen endlich kapieren. Mein Leben war scheiße!
Ich wandte Rachel mein Gesicht zu und sah, wie sie misstrauisch die Augen zu Schlitzen zusammenkniff und mich musterte.
»Zwei«, stieß ich hervor.
»Drei«, widersprach Paul.
»Ja, dann eben drei, du Klugscheißer von Barkeeper.« Ich verdrehte stöhnend die Augen.
»Und wie viele willst du noch trinken?«, hörte ich June von der anderen Seite fragen. »Komm mit uns lieber auf die Tanzfläche. Dafür sind wir doch –« Sie hielt inne, weil ich den Arm hob.
Ich drehte meinen Oberkörper zu June und stieß ihr den Finger in die Brust. »Dafür seid ihr hier, ich genieße den Abend auf dem Hocker.«
»Seit du das Studium geschmissen hast, bist du unausstehlich, Hayden«, erklärte June und schob meine Hand von ihrem Körper weg. »Reichen nicht deine verbalen Entgleisungen von letzter Woche? Das war echt beschämend.«
»Wisst ihr was«, motzte ich. »Langsam habe ich keine Lust mehr auf diese sinnlosen Diskussionen.«
Ich nickte Paul zu. »Und da ich sowieso nichts mehr zu trinken bekomme, werde ich jetzt das tun, was ihr von mir offensichtlich wollt.«
»Und das wäre?«
Ich wandte mich Rachel zu. »Einen Typen klarmachen.«
Sie nickte. »Aha.«
»Hmpf«, stieß ich aus, als ich mit ansehen musste, wie zwei leckere Mojitos vor meinen Freundinnen landeten … Schön mit Limette garniert. Aber Pauls größte Frechheit war, dass er mir ebenfalls ein Glas mit einer Limette und Eiswürfeln hinstellte.
Ich schnaubte. »Wasser? Du wagst es, meinen Freundinnen einen genialen Drink zu mixen, und ich bekomme nur Wasser?« Der Typ hatte doch nicht mehr alle Latten am Zaun.
Paul grinste. »Fahr erst mal die Aggroschiene runter und werde nüchtern. Carter kommt gleich und dann bringt er dich nach Hause.«
»Dir ist schon klar, dass du meinen Bruder von seiner Party holst?« Carter hatte ein super Angebot vom Boston College bekommen. Mein Onkel Sam, der dort der Headcoach war, hielt meinen Bruder für einen talentierten Eishockeystürmer und wollte ihn in seinem Team haben. Das feierte mein Bruder mit seinen Kumpels.
Paul musste leider für einen Kollegen, der heute krank geworden war, einspringen, weshalb er hier arbeitete und mich im Auge behielt – wie auch sonst immer. Deshalb hielt sich mein Mitleid in Grenzen, dass er nicht auf Carters Party sein konnte.
»Dein Bruder würde mir die Faust ins Gesicht rammen, wenn ich es nicht täte.«
»Hm, dann wirst du wohl den Geschmack von Blut bald schmecken, denn ich werde, wie schon gesagt, jetzt das tun, wozu mich Rachel und June jeden Samstag mitschleppen.«
Ich grinste Paul provozierend an, prostete ihm mit dem Wasser zu und trank einen Schluck. Dann stellte ich das Glas ab, rutschte vom Hocker und ließ meinen Blick umherschweifen. Die irritiert dreinblickenden Gesichter meiner Freundinnen ignorierte ich. Irgendwo würde doch ein schleimiger Typ herumhängen, mit dem ich Paul so richtig ärgern könnte. Er sollte den Spaß daran verlieren, meinen Aufpasser zu spielen.
Was bildeten er und mein Bruder sich überhaupt ein? Immerhin war ich Carters große Schwester. Wo bist du, widerlicher Kerl?
Da. Ein besonderes Exemplar von Oberschleimer mit einem Wollen-wir-ficken-Blick stand mit dem Rücken an der Wand gelehnt und nuckelte an seiner Bierflasche herum.
Genau der perfekte Ekeltyp. Es sah so aus, als würde er seine Zunge in den Flaschenhals hinein- und hinausstoßen, so oberabartig, dass ich vermutlich im nüchternen Zustand eine Kotzattacke bekommen hätte. Ging es noch perverser?
Und ja, im nüchternen Zustand würde ich mich keinesfalls so albern benehmen und so einen Typen auch nur eines Blickes würdigen.
Ich reckte meine Brüste, die ich nicht hatte, und ließ meinen Hintern aufreizend wackeln, als ich zu ihm stolzierte.
Sobald ich vor ihm stand, schluckte ich hart.
Igitt, der Kerl hatte schwarzes zurückgegeltes Haar, um den Hals trug er eine protzige Goldkette. Sein graues Seidenhemd war bis zum Bauchnabel aufgeknöpft, die behaarte Brust erinnerte mich an einen Gorilla. O Gott, ich hatte anscheinend doch zu tief ins Glas geguckt, sonst würde ich sofort auf dem Absatz kehrtmachen.
»Na?« Ich hielt einen Augenblick die Luft an, weil mein Magen einen Salto schlug. Das Parfüm dieses Kerls war furchtbar süß und aufdringlich.
»Na?«, kam es von ihm zurück. So wie es aussah, hatte ich eine IQ-Granate angesprochen. Ich spähte über die Schulter zur Bar. Meine Freundinnen und Paul hatten die Augen aufgerissen und glotzten zu uns herüber. Na, klappt doch.
»Möchtest du tanzen?« Ich lächelte schief, weil ich weiche Knie bekam. So ganz war ich dann doch nicht mehr von meiner Aktion überzeugt.
»Gern.« Er grinste, ließ lüstern seine Augen an mir hinabgleiten. Frech verharrten sie auf meinen Minimöpsen.
Hä? Huschte eine Spur Enttäuschung über sein Gesicht?
»Vergiss es«, zischte ich. Das war ja der komplette Reinfall. Ich wollte einen Abflug machen, doch der Kerl hatte seinen Arm ausgestreckt und hielt mich schon nach zwei Schritten auf.
»Sorry, klar will ich mit dir tanzen.«
Mein Blick schoss wieder zur Bar. Jetzt grinste Paul. Ehrlich, wenn er nicht so blöd grinsen würde, weil er geschnallt hatte, dass ich wegen des Typen gefrustet war, dann hätte ich den Idioten abgewimmelt.
Aber nun war der Wunsch nach Provokation wieder aufgeflammt und ich schenkte dem Widerling ein süßes Lächeln. »Dann rede nicht, sondern komm mit.« Ich griff seine schwitzige Hand – boah, die Aktion wurde langsam zu einer harten Herausforderung – und zog den Kerl zum Nachbarraum.
Wir schoben uns durch die Menschenmenge, es roch nach Körperausdünstungen gemischt mit Deo, Eau de Toilette und so ’nem Zeug. Die Musik dröhnte und ich fühlte im schummrigen Licht unter meinen Füßen den Boden von den Bässen vibrieren. Wenigstens konnte ich schweigend tanzen, weil es für eine Unterhaltung zu laut war. Wir blieben in der Nähe des Randes der Tanzfläche, weil ich keine Lust auf Körperkontakt hatte und um notfalls flüchten zu können, falls der Typ zu aufdringlich wurde. Ich wollte Paul nur ärgern, keinesfalls mit dem Typen eine Nummer schieben. Mannomann, irgendwie lief bei mir alles aus dem Ruder.
Plötzlich kam der Widerling mit seinem Gesicht näher und ich erstarrte, als er außerdem seine Hand auf meinen Po legte und mich an seine Körpermitte drückte.
Äh … Moment, rieb er sich an mir? Bevor ich ihn von mir schubsen konnte, krallte sich eine Hand um meinen Arm und zerrte mich ein Stück nach hinten.
Als mir bewusst wurde, wer das war, hatte derjenige mich losgelassen, sich an mir vorbeigedrängt und meine uncoole Eroberung beim Wickel.
»Lass deine Dreckpfoten von meiner Schwester!«, hörte ich Carter über die Musik hinweg brüllen.
Das durfte echt nicht wahr sein.
Mein Bruder wollte nicht begreifen, dass ich so ein Verhalten unmöglich fand. Das war zum Teufel noch mal verdammt peinlich.
Schon die nächste Sekunde schrie alles in mir nach Flucht. »Du bist doch bescheuert!«, rief ich, drehte mich um und stolperte vorwärts.
Was dann geschah, hatte ich nicht gewollt.
Glücklicherweise war ich in der Lage, mich, obwohl beschwipst – betrunken war ich auf gar keinen Fall –, halbwegs koordiniert zu bewegen. Ich zwängte mich an der Menge vorbei, um nach draußen zu gelangen.
Am Ausgang angekommen, riss ich die Tür auf und stürzte die fünf Treppenstufen hinab.
»Hayden, warte gefälligst!«, befahl mein Bruder nur wenige Meter hinter mir.
Um ihm zu entkommen, schlug ich einen Haken und warf einen hastigen Blick hinter mich. Carter war schnell. Er sprang, die fünf Stufen auf einmal nehmend, die Treppe herunter.
Doch dann … Ich könnte schwören, dass ich in diesem Moment sein Knie hatte knacken hören.
»Scheiße«, brüllte Carter, der Schmerz schwang in seiner Stimme mit.
Ich blieb abrupt stehen und sah, wie er mit schmerzverzerrter Miene zu Boden ging. Mein Blick fiel auf Carters Knie, das eine unnatürliche Stellung angenommen hatte.
Schlagartig war ich nüchtern. »Carter, um Himmels willen!«, rief ich voller Angst. Ich eilte zurück und hockte mich zu ihm.
Schuldbewusst streckte ich meine Hand aus, um ihm hochzuhelfen, aber Carter schüttelte den Kopf. »Hol Paul«, forderte er mich stattdessen auf.
»Es tut mir so leid, glaub mir bitte, das wollte ich nicht«, rief ich entsetzt. Aber damit er nicht zu lange hilflos auf dem Boden kauern musste, schwang ich mich hoch und stürzte zum Club.
Auf der Treppe warf ich einen letzten Blick auf meinen Bruder, doch er gab mir mit einem Wink zu verstehen, dass ich mich beeilen sollte.
Ich holte zitternd Luft, zog die Tür auf und eilte zu Paul.

***

Im Saint Peter’s Sports Medicine Institut wartete ich auf die abschließende Diagnose. Ich knetete gedankenverloren meine Hände und schreckte auf, als aus dem Behandlungsraum der Arzt kam und mir mit einem freundlichen Lächeln zu verstehen gab, dass ich endlich zu Carter durfte.
Wenn ich erfahren hätte, wie es um sein Knie stand, würde ich Paul anrufen. Er hatte noch im Club die Notrufnummer gewählt und sich um Carters Transport gekümmert. Ins Krankenhaus hatte er uns nicht begleiten können, weil er die Bar schmeißen musste.
Rachel und June hatten Carters Freunde angerufen, die schon verwundert waren, warum er nicht zu seiner eigenen Party zurückgekehrt war.
Nervös rieb ich mir über den Mund, das schlechte Gewissen zwickte mir in den Bauch. Dieser Unfall war ganz allein meine Schuld.
Ich atmete dreimal tief durch. Nachdem ich mich einigermaßen gefangen hatte, betrat ich den Behandlungsraum.
Carter lag auf einer Liege, den rechten Unterarm über die Augen gelegt. Ein Kühlpad lag auf seinem höher gelagertem Knie.
Unsicher trat ich an das Fußende und starrte auf das verletzte Knie.
»Carter?«, flüsterte ich.
Stöhnend richtete er sich auf die Unterarme auf, die Augenbrauen schmerzerfüllt zusammengezogen. Wir beide schwiegen, wussten nicht, was wir zueinander sagen sollten.
Ich knabberte nervös auf der Unterlippe herum und nahm allen Mut zusammen. Mit einer leichten Handbewegung deutete ich auf das Knie. »Und?«, quiekte ich.
Carter stieß schwer die Luft aus. Er leckte sich über die Lippen. »Wie angenommen. Die Röntgenbilder und das MRT haben es bestätigt.«
»Nein!« Ich bekam kurz Schnappatmung. »K … K-kreuz … K-kreuzbandriss?«, stammelte ich und heftete zunächst meinen Blick auf das verletzte Knie. Es war wahnsinnig anstrengend, Carter in die Augen zu schauen. Doch ihm auszuweichen, wäre wiederum feige. Vorsichtig lugte ich zu seinem Gesicht.
Als er schweigend nickte, hatte ich das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Rückwärts taumelte ich gegen die Wand. »Was für ein Albtraum.« Ich fragte mich, ob unsere Familie ein Abonnement auf Bänderrisse und sonstige Katastrophen abgeschlossen hatte. Ich fand keinen anderen Namen für die ganzen Unglücke, die auf mich im letzten halben Jahr eingeprasselt waren. Erst mein Sprunggelenk, dann Sashas Verrat, nun das Knie meines Bruders. Das Schicksal hatte schon wieder mit der imaginären Keule aus dem Nichts fies zugeschlagen.
»Wir müssen darüber nachdenken, wie wir die Situation retten können«, fing mein Bruder an, die Dinge aus seiner Sicht zu analysieren.
»Was?« Mir klappte die Kinnlade runter.
Er zeigte zum Stuhl unter dem Fenster. »Setzt dich zu mir.«
Ich stolperte zum Fenster, packte die Rückenlehne und trug den Stuhl zur Liege. Resigniert plumpste ich auf den Sitz.
Carter räusperte sich. Einen Moment studierte er mein Gesicht. »Du hast dich lange genug selbst bemitleidet. Es ist Zeit, dass du wieder auf die Beine kommst.«
»Jaja, das ist mir schon klar.«
Meine Augen wanderten zur Wanduhr über der Liege. Seit Stunden waren wir hier, der neue Tag war schon lange angebrochen. Obwohl meine Knochen sich schrecklich müde anfühlten, war mein Hirn aufgrund der Ereignisse dieser Nacht hellwach.
»Du weißt, dass ich einen Traum habe.« Mein Bruder drehte sein Gesicht zum Fenster.
Ich tat es ihm gleich. Mein schlechtes Gewissen lastete auf meinem Herzen. »Ich weiß«, flüsterte ich. »Onkel Sam hat seinem Hockey-Trainerstab Videos von mir gezeigt. Nun habe ich die Wahnsinnschance für das Boston College zu spielen. Außerdem würde ich ein traumhaftes Sportstipendium erhalten. Das Doppelte von dem, was mir unser College bezahlt.«
Ich nickte, ein Seufzer verließ meinen Mund. »Ich weiß.« Das Bowdoin College konnte keine üppigen Sportstipendien bezahlen, wie ich selbst erlebt hatte. Ein Grund, warum Paul, der mit Carter in einer Mannschaft spielte, im Club jobbte und mein Bruder in Mr. Banks’ Eisenwarenladen aushalf. Meins war sogar geringer als Carters und Pauls gewesen. Es hatte gerade so gereicht, um die Studiengebühren und die Unterkunft zu bezahlen.
»Wenn ich die Chance bekommen will, nach dem College in der NHL zu spielen, muss ich das kommende Semester in Boston aufschlagen.«
»Du hast einen Kreuzbandriss. Du wirst operiert werden, bekommst eine Reha«, warf ich ein.
Mein Bruder drehte mir sein Gesicht zu, seine Miene war undurchdringlich. Ich sah ihm tief in die von Schmerzmitteln glasigen Augen. »Carter, dein Knie braucht ein Jahr, bis es wieder voll einsatzfähig ist.«
»Du kannst Schlittschuh laufen.«
»Wie bitte?« Ich blinzelte, Carters Miene blieb unbeweglich.
»Wenn ich dort nicht antanze, wird ein anderer meinen Platz einnehmen und dann war es das. Nie werde ich mir meinen Traum erfüllen können, bei den Chicago Blackhawks zu spielen. Ich habe Karriereziele und ich will irgendwann den Stanley Cup gewinnen. Das weißt du, Hayden.«
Ich warf die Arme in die Luft. »Natürlich weiß ich das. Ich habe den Traum gehabt, mit Sasha die Olympischen Spiele zu gewinnen. Aber manchmal stellt einem das Leben ein Bein und man knallt mit seiner Nase auf den Boden der Realität auf. Ist hart und tut weh.«
Einen Moment schwieg Carter. »Nächsten Montag beginnt der April. Bis die Eissporthalle in den Sommerschlaf entlassen wird, haben wir drei Monate Zeit, um dich fit zu machen, damit du so lange meine Position bei den Eagles am Boston College einnimmst.«
»Was?« Ich starrte Carter an.
Er sah mir in die Augen. »Drei Monate, Hayden«, wiederholte er.
In diesem Moment wäre es mir lieber gewesen, ich hätte mich als Kind für Leichtathletik oder Volleyball entschieden. Dann würde mein Bruder nicht auf die aberwitzige Idee kommen, mich für seinen Eishockeysport einzuspannen.
Ich hatte das Gefühl, Ameisen würden durch meinen Körper flitzen, weshalb ich aufsprang und ruhelos durch den Raum tigerte. »Du meinst das ernst. Ich soll dir in Boston den Platz warmhalten.«
Ich blieb vor der Liege stehen, kurz musterte ich meinen Bruder. »Ich bin eine Frau!« Um es zu verdeutlichen, ließ ich meine Hand vor meinem Körper hinabgleiten. »Da, schau hin!« Energisch griff ich mir in die Haare und zog an den langen Strähnen. »Ich komme nach Dad, habe dunkles Haar, blaue Augen. Du bist wie Mom, blond und braunäugig. Das funktioniert nicht. Und außerdem«, ich gab ein Knurren von mir, »habe ich Brüste.«
Carter grinste. »Wo?«
»O Mann«, stieß ich aus, jetzt kam er mir mit der dämlichen Möpse-Nummer. »Das ist totaler Schwachsinn, was du vorhast. Das fliegt doch schon auf, noch bevor ich in Boston einen Fuß auf die Eisfläche gesetzt habe.«
»Kein Grund zur Panik, wir bekommen das hin«, widersprach Carter. Er schien von seiner Schnapsidee überzeugt zu sein.
Ich fasste mir kopfschüttelnd an die Stirn.
Haben die Ärzte meinem Bruder irgendwelche Drogen gespritzt? Ich sollte mich sicherheitshalber erkundigen.
Wann hatte er sich den Blödsinn zusammengesponnen? Beim MRT? Gab es in der Röhre gefährliche Strahlungen, unter denen jetzt sein Gehirn litt? Oder war ihm das Röntgengerät auf den Schädel gefallen? Weiß ich, welche Probleme aufgetreten sind? Ich hätte darauf bestehen sollen, bei den Untersuchungen Carters Hand zu halten, als besorgte Schwester, die ich inzwischen war.
Ich machte mir ernsthaft Sorgen um Carters Verstand, egal, wie schwierig und ausweglos die Situation war. Denn dass sie es war, daran zweifelte ich keine Sekunde.
Mein Bruder schien an seiner Idee festzuhalten, unbeirrt redete er weiter: »Und da du nun mal – sorry, wenn ich das so sage – wirklich sehr, sehr kleine Titten hast, fällt das unter dem Trikot niemandem auf.«
»Carter, ich –«
Heftig schüttelte er den Kopf und ich begriff, dass ich den Mund halten sollte, während er mir erklärte, welche konkreten Gedanken ihm durch den Kopf gingen. Carter legte den Finger an die Lippen. »Hör mir einfach zu.«
»Okay«, gab ich nach, ging zum Stuhl zurück und setzte mich.
»Ich gebe dir keineswegs die Schuld an dem Unfall. Ich habe mir einfach zu viele Sorgen gemacht, es zu sehr übertrieben, das ist mir inzwischen klar. Trotzdem brauche ich deine Hilfe.« Er lächelte mich an. »Und ich bin mir sicher, dass es dir guttun wird, einen neuen Schritt zu wagen und in Ruhe darüber nachzudenken, wie es mit dir zukünftig weitergehen soll. Vielleicht gefällt es dir in Boston oder du schmiedest Pläne, wo du später studieren willst, und vielleicht bekommst du endlich wieder Lust auf Eiskunstlauf. Deine Karriere muss noch lange nicht zu Ende sein. Es gibt Läuferinnen, die holen noch Medaillen, obwohl sie die Dreißig längst überschritten haben. Es ist zu unserer beider Vorteil. Es ist langsam für dich an der Zeit, nach vorn zu blicken. Doch das kannst du offensichtlich nicht hier.«
»Aber ich kann doch nicht für dich Eishockey spielen.« Ich beugte mich vor. »Jetzt noch nicht.«
»Natürlich fängst du jetzt schon an. Ich habe dir gesagt, dass uns nur drei Monate bleiben, um dir die grundlegenden Regeln beizubringen. Du brauchst vor allem Praxis.«
»Das pack ich nicht, Carter. Mit wem soll ich überhaupt trainieren, wenn du doch verletzt bist und bald auf dem Operationstisch liegst? Außerdem kennt der Trainerstab vom Boston College dein Gesicht.«
Carter fuhr sich durchs kurze Haar. Langsam nickte er. »Du meinst Onkel Sam. Die anderen haben mich nur auf einem kleinen Bildschirm in Hockeymontur und mit Helm gesehen. Die haben sich mein Gesicht keinesfalls gemerkt.«
Ich lehnte mich zurück und betrachtete meine Hände im Schoß. »Ich bezweifle, dass Onkel Sam deinen Plan unterstützt«, murmelte ich.
»Im Gegensatz zu dir glaube ich, dass er unseren Plan …« Er sah mich eindringlich an.
»Du meinst deinen Plan«, korrigierte ich ihn.
Carter reagierte augenrollend. »Gut, meinen Plan«, seufzte er. »Ich denke, er wird sich nach einigem Zureden damit einverstanden erklären.«
»Das wird er nicht.«
»Und wenn doch?« Carter wollte mir unbedingt meine Zustimmung entlocken.
Ich holte tief Luft. »Okay, pass auf.«
»Du bist einverstanden?« Ein frohlockendes Grinsen zuckte in Carters Mundwinkeln.
Ich hob abwehrend die Hand. »Ich schlage dir einen Deal vor.«
Carter nickte schnell. »Schieß los.«
»Wenn Onkel Sam seine ausdrückliche Zustimmung gibt und du mir einen Trainingspartner zur Seite stellst, der mich so fit macht, dass ich in deine Rolle schlüpfen kann, werde ich das durchziehen.« Ich ließ mich auf seinen Vorschlag ein, weil ich mir nicht wirklich vorstellen konnte, dass auch nur eine meiner beiden Forderungen klappen würde. Das Einzige, was unseren Sport verband, waren die Kufen unter den Schuhen.
Carter grinste mich breit an, als er seinen Arm ausstreckte, um mir die Hand zu schütteln. »Große Schwester, schlag ein. Den Deal nehme ich an.«
»Okay, ich muss los, Mom und Dad beibringen, warum du im Krankenhaus liegst«, sagte ich, nachdem ich meine Hand aus seiner gezogen hatte. Wegen des Deals, dem ich gerade zugestimmt hatte, war ich noch ein wenig verwirrt.
Ich massierte mir die Nasenwurzel, um dieser Verwirrung Herr zu werden, und fragte nach: »Weißt du schon, auf welche Station du kommst?«
»Werde ich früh genug erfahren.« Er hob die Schultern. »Dann gebe ich euch Bescheid. Grüß Mom und Dad von mir. Sie sollen sich wegen des Unfalls nicht verrückt machen, es ist ja eine Lösung in Sicht.« Carter hatte es drauf, frech zu zwinkern. Spaßvogel, dabei war die Sache mit seinem Knie kein bisschen witziger geworden.
Nun ja, an sich war es ganz gut, dass er in dieser schwierigen Situation nicht gänzlich seinen Humor verloren hatte. Ich tat mich damit schwer. »Mach ich«, erwiderte ich daher bloß, stand auf und begab mich die wenigen Schritte zur Tür.
Bevor ich den Behandlungsraum verließ, wandte ich Carter mein Gesicht zu. »Hast du dir schon darüber Gedanken gemacht, wer mich trainieren soll?«
»Hab ich, rate mal.«
Ich griff nach der Klinke, legte den Kopf in den Nacken und stöhnte: »Paul.« Warum war ich nicht selbst darauf gekommen? Er war ein guter Spieler, der loyalste Typ, den ich kannte. Niemals würde er meinem Bruder einen Wunsch abschlagen.
Obwohl die Tür ins Schloss gefallen war, hörte ich Carters Stimme nach draußen dringen. »Wer sonst, Schwesterherz?«
»Ja, wer sonst«, murmelte ich auf dem Weg über den Flur.
Der Deal war besiegelt und einen Rückzieher würde ich nicht machen. Ich hatte so ein Gefühl, dass Carter es schaffen könnte, Onkel Sam von seinem Plan zu überzeugen. Blut war dicker als Wasser. Die Familie Rice hatte schon immer zusammengehalten und Onkel Sam war der ältere Bruder unseres Dads.

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Kapitel 2 - Hayden

Haben wir Baldrian im Haus?

»Dad?« Ich war nach Hause gekommen, hatte die Sneakers von den Füßen gekickt und ging über den Flur. Mein Blick wanderte zum Obergeschoss. »Dad!«, rief ich nun energischer.
Oben hörte ich eine Tür klappen. Mom erschien am Geländer. Sie trug ihren buntgeblümten Bademantel über ihrem Pyjama.
»Sch«, machte sie und schlug aufgeregt ihren Finger gegen den Mund.
Rasch warf sie einen Blick über die Schulter, bevor sie die Hände fragend hob. »Was brüllst du das ganze Haus zusammen? Dad schläft noch und Carter …«
Sie stieg die Treppe herunter. Unten stutzte sie, ihre Augen wanderten zu meinen Sneakers, die neben der Hauseingangstür kreuz und quer lagen. »Ist Carter nicht nach Hause gekommen?« Sie streckte die Hand aus. »Da liegt nur dein unordentlicher Haufen.«
»Mom, das sind zwei Schuhe, kein Haufen. Du übertreibst, wie immer.« Ich verdrehte die Augen, doch bereits im nächsten Moment klopfte mein schlechtes Gewissen wieder an, weil die Situation viel zu ernst war, um mit Mom eine unserer nervigen Grundsatzdiskussionen zu führen. Eilig kehrte ich um und schob die Schuhe zusammen, dann wandte ich mich ihr wieder zu.
Ich musste meinen Eltern beibringen, welchen Mist ich verzapft hatte und welche Folgen es für uns alle haben würde – vor allem für Carter.
O Gott, hoffentlich setzen sie mich nicht vor die Tür. Den Unfall konnte ich meinen Eltern nicht scheibchenweise verklickern. Hier war die Salamitaktik kein bisschen angebracht. Mom und Dad würden gleich die volle Ladung vor die Füße geklatscht bekommen.
Gott im Himmel, steh mir bei … Ich seufzte. Gott die ganze Zeit um Hilfe anzuflehen, war genauso sinnlos, wie eine gute Fee um drei Wünsche zu bitten. Außerdem konnte ich davon ausgehen, dass der alte Herr da oben gewiss etwas Wichtigeres zu tun hatte, als mir mein Geständnis abzunehmen. Das war meine unangenehme Aufgabe.
Bei dem Gedanken wurde mir flau im Magen, wobei ich auch die letzten Stunden nichts Festes zwischen die Zähne bekommen hatte. Das Einzige, was sich jetzt noch in meinem Körper verteilt befand, war ein Rest Gin Tonic. Vermutlich kamen daher die Kopfschmerzen, die ich bis zu diesem Moment ignoriert hatte.
»Hayden!«, holte mich Mom aus meinen wirren Gedanken zurück.
»Hm?« Ich blinzelte und bemühte mich, ihr ins Gesicht zu schauen. Meine Nervosität nahm zu, Mom sah es mir an.
»Wo ist dein Bruder?«
»Mom, ganz ruhig, sein Knie …« Ich schluckte. Es fiel mir schwer, Mom die Wahrheit zu sagen. Wobei das Wörtchen schwer nicht annähernd beschrieb, welche Überwindung mich die Antwort tatsächlich kostete.
Oben waren Geräusche zu hören. Nun kam auch Dad in Sweatshirt und Jogginghose die Treppe herunter und es gab keinen Grund mehr, die Wahrheit länger vor mir herzuschieben. Trotzdem sollten sich meine Eltern lieber an den Küchentisch setzen, einen Kaffee … Nee, lieber nicht, sie sollten stattdessen einen Baldriantee trinken.
Als wären meine Füße am Fliesenboden festgeklebt, stand ich da und rieb mir die Stirn, während die nächsten Fragen in meinem Schädel aufploppten.
Haben wir überhaupt Baldriantee im Haus?
Wenn nicht, welche Sorten Beruhigungstee gibt es denn sonst?
Ich könnte die Nachbarn –
»Hay-den!«
»Hm?« Ich war schon wieder abgelenkt. Oje, es fiel mir wirklich sehr, sehr schwer, zu sagen, was mit Carters Knie passiert war, wo er sich befand und wer die Schuld daran trug.
»Um Himmels willen, was ist mit Carters Knie?«, hakte Mom nach.
»Nun ja, das Knie.«
»Zuerst sagen wir zu uns: Guten Morgen«, mischte sich Dad ein. »Es bringt nichts, wenn wir aufgebracht im Flur stehen, anstatt uns in die Küche zu setzen, um dort zu reden.«
»Stimmt, Dad.« Ich nickte und bekam endlich wieder Gewalt über meine Füße. Ich trat auf Mom zu, um ihr einen Kuss auf die Wange zu drücken, dann begrüßte ich Dad auf gleiche Weise.
»Gut, Hayden.« Dad schaute auf die Armbanduhr. »Es ist erst halb sieben. Wir setzten uns an den Küchentisch, trinken Kaffee und du erzählst uns ganz in Ruhe, was los ist.« Dad schaute mir tief in die Augen. »Abgemacht?«
Ich nickte, mein leicht verschwommener Blick huschte zu Mom. Ich kämpfte jetzt mit aller Kraft gegen das Brennen in den Augen an. Die Sorge um Carter und sein Stipendium, ebenso wie meine Müdigkeit, wollten sich in Tränen entladen. Doch schon als Kind hatte ich beim Eiskunstlauftraining gelernt, meinen Schmerz zu kontrollieren, um nach außen stark zu wirken, egal, wie es in mir drinnen aussah.
Es hatte aber den Anschein, dass Mom meine Unsicherheit und Panik fühlte. Sie strich mir mitfühlend über den Arm. »Ich denke, dein Dad hat recht, lasst uns Kaffee trinken und dann erzählst du uns alles.«

Durch das große Fenster konnte man auf den Garten sehen. Mom kümmerte sich jede freie Minute um den Pflanzenwuchs. Vor allem um ihre bunten Blumenstauden. Ein Stöhnen unterdrückend wandte ich den Blick ab. Moms kleine, glückliche Welt würde einen harten Schlag abbekommen.
Dad goss Kaffee in die Becher, stellte die Kanne auf den Untersetzer und setzte sich zu uns an den Tisch. Ich goss mir Milch ein, als es klingelte.
»Wer kommt denn jetzt?« Mom warf einen Blick zum Flur. Ich hatte so eine Befürchtung, wer es war. Ich schob den Stuhl zurück und ging hinaus.
Wie erwartet war Paul aufgetaucht. Ich ließ ihn eintreten. Er streifte seine Turnschuhe ab und stellte sie ordentlich an die Wand. Er kannte Moms Ordnungstick.
»Warum bist du gekommen?«, flüsterte ich.
»Weil Carter mich angerufen hat. Er meinte, es wäre besser, wenn ich hier bin.« Paul redete genauso leise. Wir benahmen uns wie zwei vom geheimen Illuminatenorden. Waren wir irgendwie auch, wenn man bedachte, was wir vorhatten. Kein Scheiß, wir machten Dan Brown alle Ehre.
»Hat er dir das mit dem Deal schon erzählt?«, flüsterte ich weiter.
»Ja, hat er.« Paul grinste. »Wird ein hartes Stück Arbeit werden, wenn ich aus einer Eisprinzessin einen knallharten Bulldozer machen soll.«
»Haha.« Ich ging voran und Paul folgte mir. Ich ahnte, warum Carter dafür sorgte, dass sein bester Freund mir Rückendeckung gab. Er schien fest daran zu glauben, dass sein Plan gelingen könnte. Ich hoffte es für ihn, langsam auch irgendwie für mich. Wenn Carter sein Sportstipendium verlieren würde, könnte ich ihm nie wieder in die Augen sehen.
»Es ist Paul«, sagte ich, als wir vor der Küche standen, und ließ ihm den Vortritt. Schnell holte ich einen Becher aus dem Küchenschrank, stellte ihn vor Paul, der sich auf Carters Platz gesetzt hatte, und füllte ihn mit Kaffee.
Mom verzog verwundert das Gesicht. »Hallo Paul, hast du nicht die ganze Nacht durcharbeiten müssen?«
Dad zog die Augenbrauen zusammen. »Bist du direkt von der Arbeit zu uns gekommen?«
»Ja, bin ich.« Paul lächelte mich dankbar an und schlürfte den Kaffee, den er von uns allen vermutlich am nötigsten brauchte.
»Hast du Hunger, ich könnte dir ein Sandwich zubereiten?« Moms Gastgebersyndrom kam zum Vorschein.
Paul schüttelte den Kopf und hob den Becher. »Den brauche ich dringender.«
Mom nickte, ihr Blick huschte zu Dad, der sich daraufhin räusperte. »Carters Knie, was ist damit passiert?«
Das Startsignal für mich, endlich mit der ganzen Wahrheit herauszurücken.
Schnell nahm ich meinen Becher in die Hand, um mich an irgendetwas festzuklammern. Ich konnte mir schlecht Pauls Hand krallen.
Gedanklich zählte ich bis drei. So, Hayden, dann leg mal los. Ich holte tief Luft.
»Carter wollte mich vom Club abholen und ist unglücklich gestürzt«, fing ich an, die ganze Geschichte zu erzählen. Zwischendurch, wenn meine Stimme drohte zu versagen, trank ich einen Schluck.
Nachdem ich geendet hatte, herrschte bedrückendes Schweigen.
Mein Handy klingelte und unterbrach die Stille. Auf dem Display las ich den Namen meines Bruders. »Es ist Carter«, sagte ich und hielt den Finger an den Mund, als Zeichen, dass Mom und Dad nichts sagen sollten.
Zitternd stellte ich den Lautsprecher an. »Carter? Wir sitzen alle am Küchentisch, Paul ist auch hier. Wir können dich hören.«
»Mom, Dad, regt euch nicht auf. Es geht mir gut und eine Lösung ist in Sicht. Was haben Paul und Hayden euch erzählt?«
»Nicht viel«, sagte Dad.
»Okay, dann werden sie euch gleich alles erklären.«
Ich schüttelte seufzend den Kopf. In der Stimme meines Bruders klang ein Schwung zu viel Optimismus mit. Denn zuallererst brauchten wir das Okay von Onkel Sam, bevor wir überhaupt über eine Lösung nachdenken konnten.
Außerdem war es fraglich, ob diese Lösung den Hauch einer Chance hatte.
Ich schielte zu Paul, der seinen zweiten Becher Kaffee hinunterspülte.
Wie sollte es gelingen, aus mir einen Bulldozer zu machen?
Hallo, ich war eins von den schmalen Mädchen!
Paul brauchte nur mal in den Spiegel gucken und seine Statur mit meiner vergleichen.
Wie viele Kilos sollte ich denn bitte zulegen?
Zehn, zwanzig oder sogar dreißig?
Sollte ich mich mit Unmengen von Schokolade vollstopfen?
Mein Magen würde sofort in die Gewerkschaft eintreten und mich wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen anzeigen. Inklusive Klage auf Schmerzensgeld.
Abgesehen davon würde meine Bauchspeicheldrüse in eine Art Zuckerschockstarre verfallen, weil sie nicht wüsste, woher sie das ganze Insulin auftreiben sollte. Gab’s dafür wenigstens einen Schwarzmarkt?
Yeah, und wenn Magen und Bauchspeicheldrüse Erbarmen mit mir zeigten, was machte ich dann mit so viel angefressenem Schwabbel?
Ihn im Fitnessstudio in Muskeln umwandeln, in läppischen drei Monaten?
Klar doch, mach ich alles mit links.
Okay, für eine Eiskunstläuferin war ich mit meinen eins fünfundsechzig verhältnismäßig groß, weshalb es ein Wunder gewesen war, dass Sasha mich als Partnerin gewollt hatte. Aber wenn ich mich neben Paul betrachtete, dann war ich eher ein Zwerg.
Die Zweifel wuchsen, der Plan konnte niemals gelingen.
Ich war mir fast sicher, dass Onkel Sam meine Bedenken teilen und es so oder in ähnlicher Form ausdrücken würde.
Während die Gründe des Scheiterns sich in meinen Gehirnzellen festsetzten, hörte ich nebenbei Carters Stimme, die Station und Zimmernummer durchgab. Mein Bruder bat uns, ihn nicht vor drei Uhr zu besuchen, weil er sich ein bisschen Schlaf gönnen wollte.
Sobald nur das Wort Schlaf durch das Handy drang, verschwanden die düsteren Gedanken und ich gähnte mit Paul synchron. Schlagartig spürte ich die Müdigkeit in sämtlichen Gliedern. Ich sehnte mich wahnsinnig nach meinem Bett.
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, verstaute ich das Handy in meiner Jeans.
»Kreuzbandriss.« Dad fuhr sich durchs dunkle Haar. Mom versteckte ihr Gesicht in ihren Händen. Ich nickte leicht. »Carter wird vermutlich ein Jahr kein Eishockey spielen können«, sagte ich kleinlaut. Mom nahm blitzschnell die Hände vom Gesicht. »Und das Stipendium? Sein Platz am Boston College?«
»Bleibt erhalten«, mischte sich Paul ein.
Mom stieß ein trockenes Lachen aus. »Sam hat gesagt, dass es eine lange Warteliste gibt und er froh ist, seinen Coach John Kane überzeugt zu haben, Carter aufzunehmen, weil der Junge Talent hat. Wenn Carter nicht nach Boston geht, ist alles kaputt.« Mom verfiel in Schnappatmung, zeigte mit dem Finger in meine Richtung und stieß aus: »Wie bei dir, Hayden. Du hast deine Zukunft weggeworfen.«
Es war das erste Mal, dass sie mir einen Vorwurf machte, und der tat weh. Mein Gesicht glühte. Ich hatte das Gefühl, als hätte sie mir eine Ohrfeige verpasst.
Das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen.
Mom hatte mir mit ihrem Ausbruch schlagartig meine Zweifel genommen. Ich war mutig und würde mich den Herausforderungen stellen. Zum Teufel noch mal: Ich war kein Schisser! Ich wollte es jetzt, sofort, ohne Wenn und Aber. Bevor sich Bedenken wieder einen Weg in meinen Kopf bahnten, schlug ich energisch mit der flachen Hand auf den Tisch.
Die Blicke meiner Eltern schossen zu mir.
»Mom, Dad, wir haben einen Plan. Carters Sportstipendium wird gerettet.«
Ich wandte mich Paul zu. Einen Augenblick glotzte er mich überrascht an. Ich zuckte mit den Schultern und er lächelte.
»Es ist ein guter Plan«, bestätigte er.
Mom sah abwechselnd Paul und mich an. »Carters Platz am Boston College kann gerettet werden?« Sie stöhnte hoffnungsvoll auf und rang die Hände. »Ich hoffe, es gelingt.«
»Ja, es kann funktionieren«, bestätigte ich.
Dad studierte mein Gesicht. »Gut, dann hören wir euch zu.«
Vorsichtig fing ich mit Pauls Hilfe an, meinen Eltern unseren Plan zu erklären.
Als ich fertig war, herrschte einen Augenblick Stille in der Küche.
Mom fuhr sich über die Lippen. »Wie kommt ihr auf die Idee, dass du Carters Rolle einnehmen könntest?« Sie warf mir einen ungläubigen Blick zu. »Du bist doch viel zu klein.«
»Nein, das ist sie nicht«, widersprach Paul. »Nathan Gerbe war Center in der NHL, Mrs. Rice, und sogar kleiner als Hayden.«
Mom sah Dad auffordernd an. »Mitch, nun sag du doch mal was.«
Nachdenklich kratzte Dad sich das Kinn. »Na ja, Hayden hat früher oft mit Paul und Carter auf dem Eis gespielt.« Er nickte langsam. »Als sie noch Kinder waren, konnte sich Hayden schon gegen die Jungs behaupten. Mit Pauls Hilfe … Doch, ich glaube, dass sie das schafft.«
Moms Augen schweiften wieder zu mir. »Hayden, bist du dir im Klaren, auf was du dich da einlässt? Dort sind nur«, sie senkte die Stimme, »Männer.«
»Die nicht wissen, dass ich eine Frau bin. Wenn ich mein Äußeres verändere, wird niemand raffen, wer ich wirklich bin.«
»Das Wichtigste ist, dass Sam zustimmt. Paul kümmert sich um das Sportliche.« Dad lächelte zuversichtlich. »Ich vertraue auf die Entscheidung unserer Kinder.«
»Und auf Pauls«, ergänzte ich.
Dad nickte Paul zu. »Auch auf deine, Paul.« Er sah zu mir. »Ich rufe nachher Sam an.«
Ich hatte nicht erwartet, meine Eltern von der Idee überzeugen zu können, doch offenbar hatte ich mich getäuscht. Dad war einverstanden, mit Onkel Sam zu reden.
Wenige Minuten später verabschiedete sich Paul und ich brachte ihn nach draußen. Er sagte, dass er abends zu Carter fahren würde.
Wir gaben uns High Five und verabredeten uns auf ein erstes Date in der Eissporthalle. Montag würde unsere Rettungsmission starten.
Das Wissen ging mir unter die Haut und ein mulmiges Gefühl machte sich in meinem Körper breit. Ich hatte seit sechs Monaten keine Eissporthalle mehr von innen gesehen, geschweige denn Schlittschuhe an den Füßen gehabt. Ich sollte erst gar nicht anfangen, zu analysieren, ob ich es packen würde oder nicht. Die Frage stellte sich nicht. Wenn Onkel Sam grünes Licht geben sollte, wäre ich für meinen Bruder bereit, das Abenteuer zu wagen.
Durch die Haustür hörte ich einen Motor aufheulen, Paul fuhr los und ich ging zu meinen Eltern zurück.
»Mom?« Sie war allein in der Küche und stellte Teller auf den Tisch.
»Hayden?«
Ich drückte die Faust gegen den Mund, um ein erneutes Gähnen zu unterdrücken. »Wäre es okay, wenn ich mich für ein paar Stunden aufs Ohr haue?«
Sie hob die Hand, sanft streichelte sie meine Wange. »Du bist todmüde, natürlich, leg dich hin. So gegen halb drei fahren wir los. So lange hast du Zeit.«
»Danke, Mom, und wegen Carters Unfall …« Ich biss mir auf die Lippe, die Frage wollte raus. »Seid ihr sehr von mir enttäuscht?«
»Nein, Hayden.« Mom hob überrascht die Augenbrauen. »Rede dir keine Schuld ein. Carter hatte einen Unfall.« Sie nahm mich in die Arme, ihre Nähe tat gut. »Entschuldige meine Worte von vorhin. Mach dir bloß keine Gedanken. Alles wird gut.«
Alles wird gut. Es war nur eine Floskel, die man sagte, wenn es Probleme gab, trotzdem war ich froh, sie aus Moms Mund zu hören.
Mein Herz war leichter, als ich die Treppe hochstieg und in mein Zimmer verschwand.

Punkt ein Uhr mittags holte mich ein schrilles Piepen aus dem Schlaf. Ich kniff fest die Lider zusammen, tastete blind nach dem Handy, um es auszuschalten.
Ich hatte es extra ins Bett neben das Kopfkissen gelegt, damit mich der Krach wach machte. Mein Kopf fühlte sich wie in Watte gepackt an, sodass die Ereignisse der vergangenen Nacht weit weg waren. Kurz blieb ich liegen, genoss die Wärme und Trägheit meines Körpers unter der Decke und schlief wieder ein.
Das nervige Geräusch des wiederholt piependen Weckers ließ meinen Körper hochschießen. Ich hatte vorsorglich zwei Weckzeiten eingestellt, weil ich geahnt hatte, dass die Müdigkeit mich nicht so einfach aus ihren Klauen ließ.
Ich rieb fest über mein Gesicht, schlug die Decke beiseite und stieg aus dem Bett.
Nach der Dusche stand ich vor dem Badspiegel, schob mir die Haare hoch und fasste sie zusammen. Wenn ich keine Schminke im Gesicht habe und meine Haare kurz sind, könnte es klappen, dass ich als Junge durchgehe, sinnierte ich. Dann zog ich das Handtuch weg und meine Augen wanderten hinab zum Dekolleté.
Kritisch betrachtete ich meine Brüste. Sasha hatte ihnen keine Beachtung geschenkt. Dass wir nur ein bisschen rumgemacht hatten, bekam aber nach Anas Rückkehr eine andere Bedeutung, wobei es keinen Jungen gab, dem ich sie jemals präsentiert hatte. Ich mochte meinen Körper, aber diese kleinen Dinger sparte ich aus.
Okay, es hatte vor Sasha zwei Typen gegeben, mit denen ich ein paar Mal Sex gehabt hatte, aber für längerfristige Beziehungen hatte mir die Zeit gefehlt. Bis zum Rauswurf aus dem Eiskunstlaufteam hatte mein Leben aus Training, Studium, Training bestanden.
Wann hätte ich also großartig jemanden kennenlernen sollen?
Deshalb war ich ja so glücklich gewesen, Sasha gefunden zu haben.
Ich hatte wirklich an Liebe, Seelenverwandtschaft und so ’nen Scheiß geglaubt. Aber meine Erfahrung mit Sasha hatte gezeigt, dass es nichts Echtes gab, das unter die Haut ging.
Ach, was soll’s, nicht daran denken.
Ich blickte mich ein letztes Mal im Spiegel an und ein Schmunzeln stahl sich in mein Gesicht.
Wenn ich in Boston Carter spielte, bräuchte ich meine Minimöpse glücklicherweise nicht abbinden.
Nachdem ich mir frische Klamotten angezogen hatte, begutachtete ich den Inhalt meines Schrankes. Ich atmete auf. Perfekt. Mir fiel auf, dass mir ein Großeinkauf erspart blieb. Ich stand weder auf Röcke noch Blusen oder anderen Weiberkram. Die Farben Blau, Weiß, Grau und Schwarz dominierten meinen Schrank. Ich besaß Turnschuhe und Sneakers. Boots sollte ich mir zulegen.
Meine Augen schweiften zu Mütze, Handschuhe und Schal. Ich zog die Nase kraus. Diese Accessoires waren zwar etwas zu pink, um als Junge durchzugehen, aber die Neuanschaffungen würden nicht die Welt kosten. Ein paar weiblich wirkende Sachen sollte ich jedoch mitnehmen, falls ich mal einen Ausflug als Hayden wagen wollte.
Ich hüpfte die Treppe hinunter und ging in die Küche. Der Duft nach frischem Brot hing in der Luft, woraufhin mein Magen mit einem Knurren verkündete, dass ich mich um ihn kümmern sollte.
Mom saß am Tisch, trank Kaffee und blätterte in ihrer Illustrierten. Ich nahm neben ihr Platz und lächelte sie an. Vor mir stand ein mit Klarsichtfolie abgedeckter Teller.
»Danke, Mom.«
Sie sah auf. »Für Carter habe ich auch Sandwichs gemacht. Im Krankenhaus gibt es nur Essen ohne Würze.«
Ich goss mir Kaffee ein, kippte Milch dazu und verrührte alles. »Haben wir Erdbeerjoghurt im Haus?« Fragend sah ich Mom an. Mir war nach etwas Fruchtigem.
»Hm, schau mal im Kühlschrank nach.«
»Okay.« Ich kippte mit dem Stuhl nach hinten und angelte nach dem Kühlschrankgriff.
»Hayden, steh doch auf«, seufzte Mom.
»Geht schon«, ächzte ich, holte mir einen Becher heraus und warf die Tür zu.
Nachdem ich den Löffel aus meinem Kaffeebecher abgeleckt hatte, löffelte ich den Joghurt.
»Wann fahren wir los?«
Dad kam in die Küche und küsste mich auf die Wange. »In zwanzig Minuten, wir müssen noch tanken.« So schnell, wie er gekommen war, verschwand er wieder.
»Geht klar, ich beeile mich«, rief ich ihm hinterher und zog den Teller zu mir heran. Nachdem ich die Folie abgezogen hatte, stopfte ich die von Mom vorbereiteten Sandwichs in mich hinein.
»Hayden, iss langsam.« Mom stöhnte, angewidert sah sie zu mir. Ich hing am Tisch, einen Arm vor dem Teller abgelegt, und bemühte mich, das Brot im Mund zu behalten, weil sich meine Mundwinkel zu einem breiten Grinsen verzogen.
Wenn ich als Kerl durchgehen wollte, musste ich Moms geforderte Tischmanieren vergessen und das Essen in mich hineinschaufeln.
Verärgert beobachtete sie mich, während ich hastig futterte. »Du isst wie Carter«, regte sie sich auf. »Eben«, konterte ich und blinzelte Mom zu.
Die Erleuchtung blitze in ihren Augen auf. Ein Schmunzeln stahl sich in ihr Gesicht. »Ja, wie Carter«, wiederholte sie und tätschelte meine Schulter. »Dann iss mal ausnahmsweise so weiter.«
Ich kaute schnell, schluckte zwei Mal kräftig. »Danach beginne ich, an meiner Stimme zu arbeiten«, antwortete ich eine Oktave tiefer, woraufhin Mom den Kopf in den Nacken legte. Sie lachte, bis ihr die Tränen kamen. Schnell wischte sie diese aus dem Gesicht.
Ich lächelte in mich hinein und war erleichtert, dass sie sich nach der Aufregung am Morgen wieder entspannte.

***

Dad klopfte, öffnete die Tür und schaute als Erster hinein. Wir wollten nicht gleich alle ins Krankenzimmer stürzen, falls Carter einen Mitpatienten hatte.
»Carter?«, hörte ich Dad fragen.
»Ja, Dad?«, antwortete mein Bruder, ein Lächeln schwang in seiner Stimme mit.
Nach Dad und Mom betrat ich das Krankenzimmer.
Carter hatte Glück. Wow, ein Einzelzimmer, kein Mitpatient, mit dem er sich arrangieren musste.
Ich schaute mich neugierig um. Hotelschick hatte es nicht. Typisches Krankenhauszimmer, alles wirkte steril. Die Wände, die Decke und das Bett waren weiß, der Linoleumboden grau. An der Wand hing ein Flachbildschirm. Carter könnte die Sportkanäle hoch und runter gucken, und die Blumen, die Mom aus unserem Garten mitgebracht hatte, gaben dem Raum einen bunten Farbklecks.
»Du machst einen Luxusurlaub«, witzelte ich, trat ans Bett und beugte mich zu meinem Bruder, um ihn zu umarmen.
»Nur kein Neid«, sagte er schmunzelnd, stützte sich auf einen Ellenbogen und stemmte seinen Oberkörper hoch, um mir ein Stück entgegenzukommen. Er legte den Arm um meinen Rücken und drückte mich an seine breite Brust.
Ich schloss zwei Atemzüge die Augen, spürte seinen langsamen Herzschlag. Wärme strömte durch meinen Bauch. Ich liebte Carter, wie auch er mich liebte, und ich würde ihn gegen keinen anderen Bruder eintauschen wollen. Bis zur Highschool hatten wir uns ständig angezickt. Danach hatte sich unser Verhältnis gewandelt.
Ich machte es mir am Fußende des Krankenbettes bequem.
Dad schnappte sich die beiden Stühle, die am Tisch unter dem Fenster standen, damit Mom und er sich zu uns setzen konnten.
Mom übernahm das Einsortieren der mitgebrachten Wäsche sowie des anderen Krams, den man so im Krankenhaus brauchte, einschließlich Bademantel. Als sie damit fertig war, versorgte sie die Blumen. Die Vase stellte sie auf das Nachtschränkchen neben dem Bett und zupfte an den Stängeln herum. Sie brauchte bei allem eine Symmetrie.
»Hast du schon einen OP-Termin?«, fragte ich und deutete auf das Knie.
»Montag, um ein Uhr mittags.«
Dad hob die Augenbrauen. »Puh, so schnell?« Er ballte die Hände zu Fäusten und nickte Carter zu. »Dann drücken wir dir die Daumen. Ich rufe morgen Nachmittag an und frage nach, ob alles geklappt hat.«
»Genau, Mitch, das tun wir«, warf Mom ein, hektisch wühlte sie in ihrer Tasche herum. »Schau mal, Carter, was ich dir mitgebracht habe. Für die Operation brauchst du viel Kraft.«
»Wow, Mom!« Sobald mein Bruder die Sandwichs erblickte, leuchteten seine Augen. »Ich könnte dich knutschen«, rief er aus und riss Mom das Päckchen aus der Hand. Er benahm sich, als bekäme er das Geschenk des Jahrhunderts, dabei waren es nur zusammengeklappte Weißbrotscheiben, die er auswickelte.
»Ich habe extra Eier gekocht, um dir Thunfischsandwichs zu machen«, sagte Mom voller Stolz. Sie freute sich, wenn wir glücklich waren. Und wenn Carter etwas Ordentliches zu futtern bekam, war er doppelt so glücklich.
Ich stand auf, nahm ihm das Papier ab und warf es zusammengeknüllt in den Abfalleimer unter dem Waschbecken.
»Hmm, Mom, wenn ihr wieder zu Besuch kommt, bring mir bitte mehr davon mit«, stöhnte Carter und stopfte sich das Sandwich in den Mund, schon schnappte er sich das zweite, um auch das zu verschlingen. Mom und ich grinsten uns wissend an. Yeah, ich stieß gedanklich die Faust in die Luft. Seine Essmanieren hatte ich vorhin glaubhaft imitiert.
»Wir müssen Sam anrufen«, wandte sich Dad an Carter, der herzhaft einen Bissen vom zweiten Sandwich nahm.
»Ja, das sollten wir nicht aufschieben«, nuschelte Carter und kaute hastig. Angestrengt schluckte er und nahm die Wasserflasche vom Schränkchen, um nachzuspülen.
Mein Bruder warf mir einen fragenden Blick zu. Wirst du es tun?, las ich aus ihm heraus. Ich nickte. Natürlich, signalisierte ich ihm als Antwort. Carter atmete sichtbar auf. Oft brauchten wir keine Worte, um uns zu verständigen.
Dad scrollte nach der Nummer. Er stand auf, ging zum Fenster und hielt das Handy ans Ohr gedrückt. Gespannt hafteten unsere Augen an seinem Rücken. Wie würde Onkel Sam auf den Anruf reagieren? Eine angespannte Atmosphäre herrschte im Raum.
»Sam, ja, ich bin’s, Mitch.« Dad räusperte sich. »Katy und die Kinder sind hier, ich drücke auf Lautsprecher, okay?«
Onkel Sam musste sein Einverständnis gegeben haben, weil wir nun seine Stimme hören konnten. »Hallo zusammen«, rief er uns zu und ergänze schnell: »Ich habe wenig Zeit, worum geht’s?«
Nachdem wir ihn begrüßt hatten, kam Dad gleich zum Grund unseres Anrufs.
Als er fertig war, hörten wir Onkel Sam schwer atmen. »Um Gottes willen«, stieß er hervor. »Ein Kreuzbandriss, das dauert ewig. So lange kann ich den Platz keinesfalls freihalten, so leid es mir für Carter tut.« Ich konnte die Bestürzung aus seinem Tonfall heraushören und stellte mir vor, wie er sich die Haare raufte und der Schweiß ihm auf die Stirn trat. Denn genau so hatte Dad reagiert, als ich ihm vom Unfall erzählt hatte.
Verdammt, Onkel Sams Reaktion war überhaupt nicht gut. Ich fühlte ein beklemmendes Gefühl, das sich wie ein Eisenring um meinen Brustkorb legte. Ich zwang mich, ruhig zu atmen. Locker bleiben, redete ich mir zu, während die Wände des Zimmers näher zu rücken schienen.
»Ich habe in fünf Minuten ein Meeting mit dem Trainerstab und Dean Manzano, dem Captain unseres Teams. Heute wollte ich bekanntgeben, dass Carter und ein anderer Spieler als Neuzugänge in die Stammmannschaft kommen. Mir war ein guter Stürmer schon weggeschnappt worden, dem ich einen Vertrag anbieten wollte. Jetzt muss ich-«, weiter kam er nicht.
»Stopp, stopp, stopp, Onkel Sam«, rief ich Richtung Handy, um ihn blitzschnell zu unterbrechen. Hier lief gerade einiges schief. Dad hatte ihm noch nicht erklärt, aus welchem Grund wir wirklich anriefen.
»Dad, gib mir bitte das Handy.«
Mein Vater sah mich verwundert an. Er war ein bisschen blass um die Nase geworden, der Rest der Familie sah keineswegs besser aus.
»Vertrau mir, ich werde mit ihm reden«, flüsterte ich Dad zu.
Mein Vater nickte und übergab mir das Handy. Ich legte den Finger auf den Mund und gab meiner Familie zu verstehen, dass sie bitte ruhig bleiben sollte. Richtung Flur deutend verließ ich das Zimmer und schloss hinter mir die Tür.
»Onkel Sam?«
»Hayden?«
»Ich rede jetzt mit dir allein, hör mir bitte einfach nur zu.«
Eilig sah ich mich um und eilte über den Flur. Ich fand eine ruhige Ecke, wo wir ungestört reden konnten.
Auf das Gespräch fokussiert motivierte ich mich: Hayden, du wirst ihn überzeugen.
Ich benötigte einige Sekunden, um die richtigen Sätze im Kopf zu formulieren. Ich brauchte Onkel Sams Zustimmung, weil es um mehr als Carters Sportstipendium ging. Für mich zumindest war das inzwischen so. Ich brauchte neue Ziele, um wieder mein Leben auf die Reihe zu kriegen.
»Hayden, was willst du mit mir besprechen?«, hakte mein Onkel nach. Ich hörte ein Rascheln, als würde er Papier zusammenlegen. »Du, ich habe wirklich keine Zeit, gleich beginnt das Meeting«, erinnerte er mich mit leicht gereiztem Unterton.
»Ja, das verstehe ich.«
»Wenn du das verstehst, könnten wir nicht dann das Gespräch –«
»Nein, nein, das können wir nicht«, wehrte ich schnell ab und wedelte mit der Hand energisch vor dem Gesicht herum, auch wenn er es nicht sehen konnte.
Ich vernahm einen tiefen Seufzer. »Gut, Hayden, ich höre dir zu.«
Ich presste die Luft aus dem Mund und schoss los: »Carter und ich glauben, dass es die beste Lösung für uns alle wäre, wenn ich vorübergehend seine Position in deinem Eishockeyteam übernehme.«
So, jetzt war es raus.
Schweigen am anderen Ende der Leitung. Ich hörte einen Rums.
»Onkel Sam?«
»Ich … Ich musste mich kurz hinsetzten.« Nach dem Geräusch zu urteilen, war er hart auf seinen Schreibtischstuhl geplumpst.
»Paul trainiert mich«, redete ich hastig weiter. »Du weißt doch noch, wer Paul ist?«
»Natürlich weiß ich das. Er ist der beste Freund deines Bruders. Wir haben beide bei Carters letztem Geburtstag über Eishockey gesprochen, kluger Junge.«
»Dann weißt du jetzt außerdem, dass er mich für euren Sport fit machen wird.«
»Hayden, dein Einsatz in Ehren, aber du kannst kein College-Eishockey spielen, du bist Eiskunstläuferin.«
»Bin ich nicht.« Die Zurückweisung meines Onkels tat weh, denn etwas anderes hörte ich aus seinen Worten nicht heraus.
»Wie … Ich verstehe nicht? Mitch hat mir nichts erzählt. Du bist doch Paarläuferin, mit diesem Russen … Sasha Bartus, oder?« Er klang entsetzt.
»Er hat mich reingelegt, Onkel Sam. Ich war nur der Ersatz, bis das verlorene Schaf zurückgekehrt ist, seine alte und jetzige Partnerin.«
»Kleines, das tut mir leid.«
»Dein Mitleid hilft mir nicht, Carter genauso wenig. Bitte, gib mir eine Chance. Ich will Carter helfen. Es ist doch nur vorübergehend.« Ich packte so viel Energie in meine Stimme, wie ich nur konnte.
»Hey, das ist doch nicht deine Schuld.«
»Onkel Sam, ich habe das Studium geschmissen!«
Wieder Stille am anderen Ende der Leitung.
»Onkel Sam, ich werde hart, sehr hart an mir arbeiten, alles lernen, was wichtig ist, um ein guter Flügelstürmer zu sein. Gib mir diese eine kleine, verfickte Chance, um Carter das Stipendium zu retten. Um Mom und Dad stolz auf mich zu machen.« Ich merkte selbst, dass ich wie eine penetrante Bettlerin meinen Onkel bequatschte. Doch wenn ich es nicht schaffte, ihn zu überzeugen, waren nicht nur meine, sondern auch Carters Träume zerstört. Ich musste es hinbekommen, dass er mir half.
»Und wie soll ich Dean Manzano erklären, dass er in seinem Team eine Frau hat?«
»Ich komme nicht als weibliches Wesen, ich schlage als Carter Rice bei euch auf. Keiner wird mitbekommen, wer ich wirklich bin. Wenn die Saison vorbei ist, rücken wir mit der Wahrheit raus.«
»Ich muss kurz nachdenken.« Onkel Sam stieß ein Schnaufen aus, als wenn das Gespräch körperlich anstrengend wäre. »Okay«, sagte er schließlich.
Eine Sekunde setzte mein Verstand aus. Das Okay musste ich erst mal raffen. »Oh, Onkel Sam! Du sagst Ja?«, stieß ich hervor.
»Warte, Hayden«, fuhr er dazwischen. »Ich muss ein paar Vorkehrungen treffen. Du wirst mit keinem Jungen aus dem Team dein Wohnheimzimmer teilen. Du bekommst eins mit einem eigenen Bad. Ich kläre das mit Mrs. Roenick von der Wohnheimverwaltung. Niemand darf Verdacht schöpfen.«
»Du lässt dich echt auf den Deal ein, ist doch so?«
»Nicht so schnell, Hayden. Versagst du, bist du raus. Dann kann ich deinem Bruder das Stipendium nicht retten. Du wirst wie die Mannschaft schonungslos rangenommen, ich werde dir keine Extrawürste braten und dich auf gar keinen Fall bevorzugen. Ist das klar?«
Strike! Ich konnte nichts dagegen tun, sondern hüpfte wie ein aufgeregtes Känguru im Kreis. Mein Herz schlug Kapriolen und Massen von Endorphinen wirbelten in meinem Blut herum und klatschten sich ab.
»Ja, ich werde deinen Captain überzeugen, die Trainer überzeugen, ich werde Carter absolut würdig vertreten.« Mannomann, ich quasselte wie ein Wasserfall. Ich war wahnsinnig happy.
»Wenn du dich bewährst, bleibst du in der Mannschaft. Darum reiß dich am Riemen. Du studierst und trainierst. Keine Jungs, keine Exzesse. Ich will nicht, dass mir am Ende die ganze Sache um die Ohren fliegt. Sind wir uns da einig, Hayden?«
»Danke für die Chance, Onkel Sam, ich werde alles tun, was du verlangst.«
»Gut, dann grüße alle. Ich wünsche Carter gute Besserung. Ich rufe dich an, dann besprechen wir den Rest. Jetzt muss ich wirklich los. Das Meeting hätte schon längst beginnen müssen. Bye, Hayden.« Noch bevor ich den Mund für einen Abschiedsgruß öffnen konnte, hatte er aufgelegt.
Vermutlich hatten meine Überredungskünste schneller als erwartet gefruchtet, weil mein Onkel in Eile war. Ich hatte gedacht, ich würde ihn wie eine Stalkerin telefonisch terrorisieren müssen, um ihn weichzuklopfen. Aber das war nicht nötig gewesen.
Wow, es hat geklappt! Ich war weiterhin aufgewühlt, mein ganzer Körper kribbelte. Nach den letzten furchtbaren Monaten konnte ich endlich wieder glücklich sein und das war ein unglaublich schönes Gefühl.
Meine Familie wollte ich kurz zappeln lassen. Ich setzte eine traurige Miene auf, bevor ich Carters Krankenzimmer betrat.
Ängstlich sah mich Mom an, Carter runzelte die Stirn und Dad fuhr sich durchs Haar.
»Er hat abgelehnt«, sagte Carter resigniert.
Ich gab Dad das Handy zurück. Mir fiel es schwer, nicht vor Glück loszuschreien. »Na ja, er hat …« Nun gab es kein Halten mehr und ich rief: »Zugestimmt!«
»Sam hat was?« Mom sprang vom Stuhl auf und klatschte in die Hände. »Er hat zugestimmt?«
»Du hast uns reingelegt!« Carter schlug die Faust auf die Matratze, schon die nächste Sekunde verzog er schmerzerfüllt das Gesicht.
»Oh, sorry, dein Knie«, kicherte ich verlegen. Dass sich Carter Schmerzen wegen meines kleinen Streichs zufügte, hatte ich nicht geplant.
»Mann, Hayden, du hast uns einen heftigen Schrecken eingejagt.« Dad riss mich in seine Arme und drückte mich an sich.
Er schob mich von sich und ich wandte mein Gesicht Carter zu. Mein Bruder sah mich einen Augenblick schweigend an. Mit erleichterter Miene nickte er mir zu. »Dann werde ich nächstes Jahr mit meinem Studium am Boston College starten und dort Eishockey spielen. Ist doch so, Hayden?« Ich zwinkerte ihm zu. »Sieht so aus.«

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Impressum - Leseproben

Erste Auflage 2021
Copyright © 2021 by Jenna Stean
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Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung und Vervielfältigung dieses Buches – auch nur Auszüge – sowie die Übersetzung dieses Romans ist nur mit ausdrücklicher, schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Dies gilt insbesondere für jede mechanische, fotografische, elektronische und sonstige Vervielfältigung, Verbreitung – auch Auszüge – durch Film, Funk, Fernsehen, elektronischen Medien und sonstige Form von öffentlicher Zugänglichmachung.
Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu jedweden Personen sind rein zufällig.

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