Über das Buch

Der New Adult-Roman „Everything You Wants, Miss Valentine“ ist der 1. Teil der Men of New York-Reihe von Jenna Stean.

Zum Spannungsaufbau bieten wir Ihnen auf dieser Seite bereits den Klappentext, die Cover, Informationen zu den Hauptfiguren sowie eine Leseprobe an.

Daten zu "Everything You Wants, Miss Valentine"

Veröffentlichung: 06. März 2022 bei Amazon
Seitenzahl: 524 (eBook), 381 (Druck)
Preis: 2,99 € (eBook), 12,99 € (Druck)
ISBN: 979-8590952151

Klappentext

Jared Brees besitzt eins der einflussreichsten Unternehmen. In der Öffentlichkeit gilt er als kalt und skrupellos. Niemand will auf seiner Abschussliste stehen. Jetzt plant er, meine kleine Fluggesellschaft zu übernehmen, und ich weiß nicht, wie ich das verhindern soll. In einer Bar erzähle ich einem attraktiven Fremden, wie ich mich rächen werde, nichtsahnend, dass er sich später als mein Feind entpuppen wird. Aber mit Schmetterlingen im Bauch, einem verlorenen Spiel und einem Deal scheint es doch noch eine Chance für mich zu geben, mein Eigentum zu retten.

Eine Enemies-To-Lovers-Romance. Verbale Fights, ein viel zu attraktiver Teufel und eine Heldin, die gegen ungewollte Gefühle ankämpft.

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Die Cover zum Buch

Kati und Jared - Steckbriefe zu den Hauptfiguren

Katie ist Besitzerin der kleinen Fluggesellschaft Whitebird, die hoch verschuldet ist. Sie ist bereit, alles, was ihr möglich ist, zu tun, um ihr Unternehmen zu retten. Ganz dringend benötigt sie von ihrer Hausbank eine halbe Million Dollar. Sie hat mit ihrem Team einen Rettungsplan aufgestellt und hofft, die Banker zu überzeugen, ihr das Geld zu geben. Das wird schwierig, weil Jared Brees die Whitebird aufkaufen will. Privat ist Katie Single und auch nicht an einer Beziehung interessiert. Aber sie lernt einen attraktiven Mann in der Bar La Joie kennen, mit dem sie flirtet. Katie liebt Mädelsabende mit ihrer Freundin Winnie und schaut mit ihr am liebste The Witcher. Als Katie auf ihren Widersacher Jared Brees trifft, überredet der sie zu einem Deal. Die beiden sind ständig dabei, sich zu foppen und gegenseitig aufzuziehen.

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Jared hat es in die Top Ten der Forbes-Liste geschafft und gehört zu den reichsten männern Amerikas. Er verbirgt ein Geheimnis, das mit einem kleinen Titanring zu tun hat. Beim Billardspiel verliert er eine Wette mit seinen besten Kumpels, die Katie auf den Plan ruft. Er ist überzeugter Vegetariar, Workaholic, Sportfreak und überzeugter Single. Einerseits spendet er Geld an PETA, andererseits lässt er sich sein Wasser aus der Arktis einfliegen. Jared hat spezelle Vorlieben beim Sex, die er wie seine Vergangenheit geheim hält. Die Presse bezeichnet ihn als skrupellosen Geschäftsmann. Sein Investment-Unternehmen wird als Heuschrecke bezeichnet, die alles vernichtet.
Doch dann kommt Katie …

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Kapitel 1 - Katie

»Ich muss das irgendwie hinbekommen«, murmelte ich, als der Bus einige Meter hinter dem King’s Pub hielt. Ich stieg aus und stöckelte zurück. Der Pub befand sich in einem roten Backsteingebäude. Man könnte glauben, die Zeit würde hier stillstehen, während New York sich ständig wandelte.
Ein nasskalter Wind wehte, fröstelnd zog ich die Schultern hoch, senkte den Blick zu meinem einzigen Paar High Heels und spürte, wie sich meine Miene beim angestrengten Laufen in den hohen Schuhen verkrampfte. Dazu passend trug ich über einer beigefarbenen Bluse und blauen schmalgeschnittenen Jeans einen schwarzen Blazer. Alles viel zu dünn für Anfang April. Üblicherweise bevorzugte ich einen hohen Pferdeschwanz, Turnschuhe und bequeme Klamotten.
Gezwungenermaßen hatte ich mich an diesem Mittwochnachmittag in Schale geworfen, dazu viel zu viel Make-up aufgelegt. Meine Finger huschten zum Knoten, ob er ordentlich im Nacken saß. Heute trug ich meine schulterlangen Haare elegant zusammengefasst. Wann hatte ich mich das letzte Mal so herausgeputzt? Es war ewig her, mein Äußeres war mir heute fremd. Ich hatte den Aufwand aus einem Impuls heraus betrieben, weil ich noch etwas Wichtiges vorhatte. Sozusagen den ersten Gang nach Canossa, den zweiten Termin dafür hatte ich morgen.
Vor dem Pub atmete ich noch einmal tief durch. So, jetzt rein mit dir, Katie. Schwungvoll öffnete ich die Holztür.
Ein Schwall stickiger Luft, begleitet von Gesprächsfetzen, schlug mir entgegen. Der Laden war rappelvoll. Um mich herum erblickte ich ausschließlich Männer in blauen Overalls mit dem Schriftzug Whitebird auf dem Rücken. Es war der Name meiner Fluggesellschaft.
In diesem Augenblick würde ich gern vergessen, warum ich das elegante Outfit angezogen hatte, aber die Sorge, alles zu verlieren, wofür ich mich angestrengt und aufgerieben hatte, verhinderte das.
Sollten die jahrelangen Kämpfe völlig umsonst gewesen sein?
Ich brauchte dringend eine Chance, den Untergang abzuwenden. Dafür würde ich alles mir Mögliche tun.
Immerhin trug ich Verantwortung für die anwesenden Männer, die hier ihr Feierabendbier tranken. Sie arbeiteten für mich.
Der Pub lag am Stadtrand, fünf Meilen vom Sitz der Whitebird entfernt.
Ein Großteil meiner Belegschaft hatte irische Wurzeln. Die Familien waren nach dem industriellen Boom mit einer der großen Einwanderungswellen nach New York gekommen.
Ich straffte den Rücken, setzte ein Lächeln auf und winkte den Männern zu, die mir ein »Hi Katie«, »Du siehst toll aus« oder »Hey Boss« zuriefen. Wir pflegten einen freundschaftlichen Umgang. Der King’s Pub war ein gemütlicher Laden. Hier gab es nicht nur einen langen Tresen aus dunklem Holz, bunte Zapfhähne und einen Flatscreen für Sportübertragungen, sondern auch die leckersten Burger von New York.
Wo steckte Barry?
Seinetwegen war ich hier, um ihn über meine Pläne zu informieren. Bevor ich hergekommen war, hatte ich mich zu Hause umgezogen und war ins Büro zurückgekehrt, um die vorbereiteten Unterlagen letztmalig durchzugehen und auszudrucken. Leider besaß ich kein Auto, weshalb viel Zeit allein durch das Hin-und-Her-Fahren verloren ging. Außer der Ausgaben für das tägliche Leben flossen alle meine finanziellen Mittel in die Wartung der Flugzeuge, in den Lohn der Arbeiter und den Erhalt der Linienlizenzen.
Kurz schloss ich die Augen. Ich brauchte zwei Sekunden zum Durchatmen. Düstere Bilder verfolgten mich seit Wochen. Ich versuchte mich von meiner finanziellen Situation nicht herunterziehen zu lassen. Ein Wort beschrieb sie vollumfänglich: furchtbar.
Ich war Eigentümerin eines Unternehmens, machte haufenweise Überstunden, kannte keine freien Wochenenden und konnte das Wort Privatleben höchstens buchstabieren, trotzdem wurde aus mir nicht annähernd ein Rockefeller.
Noch einmal ließ ich den Blick über die Männer schweifen und hielt nach Barry Ausschau. Ich brauchte das Gefühl, das Richtige zu tun, auch wenn er mir nur zuhören konnte. Er aß täglich seinen Burger im Pub und spülte den Arbeitstag mit Guinness runter. Sein Handy war ausgeschaltet, also steckte er hier irgendwo.
Barry war unser Chefmechaniker. Er arbeitete seit dreißig Jahren für die Whitebird. Für mich war er nicht nur ein Mitarbeiter. Er war mein Freund, dem ich mehr vertraute als meinem Vater. Als vor vier Jahren unsere Fluggesellschaft in eine finanzielle Notlage geraten war, hatte mein Vater keinen Wimpernschlag lang an die Belegschaft gedacht. Ihm war es egal gewesen, dass er sie ebenso in den Ruin stürzen würde.
»Wir müssen das Unternehmen retten, Dad, deine Männer brauchen dich«, hatte ich ihn angefleht.
»Nimm doch dein Geld«, hatte er mir eisig an den Kopf geworfen. »Wenn du dein Vermögen zum Fenster rauswerfen willst … Nur zu, ich halte dich nicht auf.«
Er hatte keinen einzigen Penny in die Rettung der Whitebird investiert. Im Gegenteil. Er hatte über die vergangenen Jahre hinweg mit Hilfe seiner Anwälte einen Großteil seines Vermögens auf die Cayman Islands geschafft. Kosten und Steuern scheute er wie der Teufel das Weihwasser. Um das Unternehmen aus der Schieflage zu holen, hatte ich schlussendlich die Führung übernommen. Ich hatte das gesamte Erbe meiner Großeltern hineingesteckt, um einen Teil der Schulden bei Dads Hausbank zu tilgen und die noch offenen Rechnungen zu bezahlen.
Das wiederum hatte zur Folge, dass ich mittlerweile nur wenige Dollar auf dem Konto besaß. Ich lebte sozusagen von der Hand in den Mund. Und das mit fünfundzwanzig Jahren. Mein Apartment an der Upper East Side von Manhattan hatte ich bereits vor drei Jahren aufgegeben. Ich war froh, dass mich meine beste Freundin als ihre Mitbewohnerin aufgenommen hatte. Vermutlich hätte ich sonst unter einer Brücke schlafen müssen. Keinesfalls wäre ich zu meinen Eltern zurückgezogen. Die Vorstellung hatte den bitteren Geschmack des eigenen Versagens. Leider hatte ich ihn inzwischen fast täglich auf der Zunge.
Es war ein fürchterliches Gefühl, genau wie vor vier Jahren. Nur war es diesmal nicht mein Vater, dem das Wasser bis zum Hals stand. Ich war pleite. Deshalb hatte ich meine Hemmungen über Bord geworfen, war zu ihm gegangen und hatte ihn um eine kurzfristige Geldspritze gebeten. Seine Reaktion war ein abfälliges Grunzen gewesen.
»Ich stecke mein Geld nur in erfolgreiche Unternehmen«, hatte er mir um die Ohren gehauen. Das war aber nur die halbe Wahrheit.
Mein Vater wollte mich ausbremsen, weil nach seinen Vorstellungen das Beste für eine Frau die Ehe war. Vorausgesetzt, dass der Ehemann genügend gesellschaftliches Ansehen und politischen Einfluss hatte. Deshalb hielt er an seinem Wunsch fest, dass ich seinen Freund Arnold Sweeneys heiratete. Der Mann war Senator, gehörte zu den reichsten Ölriesen und hatte keine Kinder.
Was hatte ich also erwartet?
Ich war so eine naive Kuh gewesen, dass ich angenommen hatte, mein Vater würde mich wenigstens einmal unterstützen.
Und nun?
Keine Ahnung, wie es mit der Whitebird weitergehen sollte.
Ein Seufzen entwich mir, als mein Blick in der linken Ecke hängenblieb. Ich entdeckte Barry. Er war allein und verdrückte wie erwartet seinen Burger. Ein halbvolles Glas Guinness stand neben dem Teller auf dem Tisch.
Mein Lächeln verschwand, während ich mir den Weg zu Barry bahnte. Ihm brauchte ich keine gut gelaunte, sorgenlose Katie vorspielen.
Barry schob sich den letzten Bissen in den Mund.
»Was treibt dich hierher?«, nuschelte er, wischte sich mit einer Serviette über die fettigen Lippen und deutete auf den Platz gegenüber. »Setz dich. Ein Bier?«
Ich stellte die Tasche auf den Boden neben den Tisch und ließ mich auf den Stuhl fallen. Ohne auf meine Antwort zu warten, fuhr Barrys Arm hoch. »Hey Colin«, rief er quer über die Geräusche hinweg. »Ein Bier für Katie!« Er nickte mir zu. »Du nimmst doch eins, oder?«
»Ja, klar.« Obwohl mein Magen Hula-Hoop spielte und ein Kamillentee angebrachter wäre, stimmte ich zu. Aber vielleicht half der Alkohol, meine Nervosität in den Griff zu bekommen.
»Alles okay?« Er nahm einen Schluck vom Guinness und hielt den Augenkontakt, während er das Glas abstellte.
»Bin angespannt«, gestand ich.
»Glaub ich dir«, bemerkte Barry und deutete mit dem Kinn zu Colin King, dem Besitzer des Pubs. Er kam an unseren Tisch und reichte mir eine Flasche.
»Was bekommst du?«
Er winkte ab. »Geht aufs Haus, Katie.«
»Danke, Colin«, rief ich ihm hinterher. Dass es liebe Menschen um mich herum gab, machte mein Gefühl leider nicht besser.
Ich nahm zwei große Schlucke und erinnerte mich, wie katastrophal der Tag bisher verlaufen war.
Als ich morgens um acht Uhr das Büro betreten hatte, war die Welt noch halbwegs in Ordnung gewesen. Eine Stunde später erhielt ich von der Bank einen schockierenden Anruf. Brees Invest plante, die Whitebird aufzukaufen. Der Bankmitarbeiter erklärte mir, dass seine Vorgesetzten dem wohlwollend gegenüberstanden. Dabei hatte ich morgen einen Gesprächstermin, um den laufenden Kredit zu erhöhen. Meine Fluggesellschaft brauchte eine halbe Million Dollar, um zu überleben.
Zum Jammern hatte mir die Zeit gefehlt, stattdessen hatte ich das Management zusammengetrommelt. Bis mittags hatten wir Argumente gesammelt und eine neue Kalkulation aufgestellt. Wir setzten alles daran, die Bank zu überzeugen, uns die Finanzspritze zu bewilligen. »Du bist zu Hause gewesen und hast dich umgezogen«, bemerkte Barry und musterte mein Outfit. »Übst du für den morgigen Bankauftritt? Wird vermutlich schwierig, weil der alte Kredit noch abgezahlt werden muss.«
»Die Hoffnung stirbt zuletzt«, murmelte ich und hob die Flasche an die Lippen.
»Zumindest siehst du schick aus.« Barry zwinkerte mir zu. »Aber vielleicht solltest du mehr von diesem …« Er kreiste mit dem Finger vor meinen Augen. »Was benutzt ihr Frauen noch mal?«
»Concealer.«
»Genau. Das Zeug hilft bestimmt, dir die Augenringe wegzuschminken. Man könnte meinen, du arbeitest rund um die Uhr.« Er zuckte mit den Achseln. »Was sogar der Wahrheit entspricht. Du brütest bis in die Nacht über den roten Zahlen und suchst nach Auswegen.«
»Ich dachte, ich habe mein Gesicht zur Genüge vollgekleistert.« Ich rückte mit dem Stuhl näher heran und neigte mich Barry entgegen. »Die Wahrheit ist hart. Ich kann die Zahlen drehen und wenden, sie werden nicht besser.«
»Du hättest den Fonds deiner Großeltern nicht in die Fluggesellschaft stecken sollen, die dir dein Vater aufs Auge gedrückt hat, um sich schuldenfrei zurückzuziehen«, knurrte Barry. »Immerhin hast du einen Abschluss in Betriebswirtschaft. Es wäre besser gewesen, du hättest dein Erbe geschnappt, eine Unternehmensberatung gegründet oder dir ein Restaurant gekauft, irgendwas ausgewählt, das schwarze Zahlen schreibt.«
Solche Visionen waren nicht das, was ich mir für meine Zukunft vorgestellt hatte. Deshalb sagte ich ehrlich: »Ich liebe die Whitebird, für mich gab es nie etwas anderes als unsere kleine Fluggesellschaft. Sie ist jeden Cent wert, den ich reinstecke. Ich würde sie jederzeit wieder übernehmen.«
Barry musterte mich eindringlich. »Doch jetzt musst du bei der Bank zu Kreuze kriechen und sie um die Erhöhung des Kredits bitten.«
»Sie werden das machen. Wir haben jede Rate pünktlich überwiesen.«
»Bisher wollte uns auch kein Investor übernehmen und zerschlagen.«
»Ich will Jared Brees von Brees Invest aufsuchen, damit er sein Angebot zurückzieht.«
Barry schob die buschigen Brauen zusammen. »Hat er dir so kurzfristig einen Termin gegeben?«
»Nein, leider nicht. Deshalb werde ich es persönlich versuchen. Ich muss ihn heute noch dazu bringen, sein Angebot zurückzuziehen. Morgen ist es wegen des Banktermins zu spät. Wozu braucht uns ein Investor? Unsere kleine Flotte bedient ausschließlich die Linien nach Baltimore und Chicago.« Fahrig rieb ich über die kribbelnde Haut im Nacken. Ich hatte nicht einmal Zeit gehabt, das Unternehmen zu googeln, das uns schlucken wollte. Die sich überschlagenden Ereignisse hatten mich daran gehindert.
Barry neigte sich über den Tisch. »Du weißt, dass die Schließmechanismen der Türen uns Ärger bereiten. Davon darf niemand Wind bekommen.«
»Ich werde mich bemühen, ihm und der Bank gegenüber Souveränität auszustrahlen. Wir brauchen das Geld, sonst können wir den Fehler nicht ohne großes Aufsehen beheben. Schlechte Presse wäre das Letzte, was wir in unserer Situation gebrauchen können.«
»Du denkst an den Flugzeugabsturz vor sechzehn Jahren.« Barry lehnte sich zurück, seine Miene wurde eine Spur ernster. »Das hätte der Whitebird fast das Genick gebrochen.«
Ich fixierte die Bierflasche in meinen Händen. »Das war ein furchtbarer Albtraum.«
Bei dem Absturz waren zwei Menschen gestorben und es hatte viele Verletzte gegeben. Zuerst war mein Vater von der Presse übelst beschimpft worden, bis herausgekommen war, dass John Manning der Schuldige gewesen war. Unser ehemalige CFO hatte vorher ohne Erlaubnis meines Vaters zwei Flugzeuge gekauft und die Navigationssysteme manipuliert. Offenkundig hatte der Mann kein Gewissen gehabt. Vom Gericht war er wegen Sabotage und Erpressung zu einer langen Haftstrafe verurteilt worden, trotz seiner Beteuerungen, unschuldig zu sein.
Schnell trank ich einen großen Schluck, um die Erinnerungen hinunterzuspülen.
Barry verzog den Mund zu einem mitfühlenden Lächeln, das ihm etwas von seiner düsteren Miene nahm, was die Situation trotzdem nicht weniger schlimm machte.
»Diesmal ist es ein anderes Problem, für das wir alle geradestehen müssen, wenn wir es nicht rechtzeitig gelöst bekommen«, sagte er und griff nach seinem Guiness. »Wir können froh sein, dass wir den Schließfehler rechtzeitig bemerkt haben.«
Ich nickte. »Die Türen müssen schnellstmöglich repariert werden, sonst verlieren wir die Lizenzen für die beiden Routen. Die großen Gesellschaften machen uns das Leben schwer, die Konkurrenz ist hart. Ich muss Jared Brees heute unbedingt erreichen. Hätte ich früher erfahren, dass er uns übernehmen will, säße mir die Zeit nicht im Nacken.« Seufzend nahm ich meine Flasche vom Tisch und exte das Bier.
Barry warf einen Blick auf die große Tasche, die ich dabeihatte. Er strich sich über das Kinn. »Wirst du Jared Brees die Unterlagen zeigen, die du und das Management für den morgigen Termin extra vorbereitet habt?«
»Hab ich vor. Trotzdem ist es für mich unbegreiflich, wozu er die Whitebird braucht. Wir haben nichts zu bieten. Er wird gewiss seine eigenen Privatjets haben.«
Barry deutete mit dem Kinn zur Tür. »Fährst du jetzt zu ihm?«
»Yep.« Mein Startsignal. Ich stand auf. »Bin sozusagen schon auf dem Weg.«
»Du schaffst das.« Barry hob die zu Fäusten geballten Hände. Er deutete einen Schlag an, als trainierte er an einem Boxsack. »Viel Glück, Katie, lass dich von den Männern in den teuren Anzügen nicht über den Tisch ziehen.«
Ich schob die Henkel meiner Tasche über die Schulter. »Drück mir die Daumen.« Damit drehte ich mich um und stöckelte auf meinen unbequemen Schuhen zur Tür.

Regen hatte eingesetzt. Ich hatte gerade die Subway verlassen und stieg die Treppe hoch. Der JBrees Tower befand sich in Manhattan, nahe dem Bryant Park.
Ich blieb oben stehen, legte den Kopf in den Nacken und blinzelte die Regentropfen weg, die auf mein Gesicht prasselten.
Der Anblick des Wolkenkratzers versetzte mir einen Stich ins Herz. Er ragte um die vierhundert Meter in den Himmel, höher als das Empire State Building. Seine Fassade war komplett mit Chrom und bläulichem Glas verkleidet. Der JBrees Tower war für mich ein Symbol dafür, wie unbedeutend meine Whitebird im Vergleich zu Brees Invest war.
Ich wischte mir über das nasse Gesicht. »Jared Brees muss mindestens eine Milliarde Dollar in diesen Bau gesteckt haben«, murmelte ich und erstarrte die nächste Sekunde, weil ich vergessen hatte, dass ich geschminkt war und vermutlich in diesem Moment mit einem entlaufenen Panda verwechselt werden könnte.
Rasch senkte ich den Kopf, keuchte einen Fluch und kämpfte mich durch die vielen Leute, die mit Regenschirmen bewaffnet oder in Mäntel gehüllt an mir vorbei strömten. War doch klar, dass es heute wie aus Eimern schüttete. Der wolkenbedeckte Himmel hatte den Regen schon am Morgen angekündigt.
Bevor ich dem CEO von Brees Invest gegenübertreten wollte, brauchte ich dringend eine Toilette, um das Chaos in meinem Gesicht zu beseitigen. Ich musste mich beeilen, es war schon fünf Uhr nachmittags.
Ob ich Mr. Brees noch erreichte?
Bestimmt ist er in seinem Büro, so ein Mann wird ein Workaholic sein, beruhigte ich mich.
Auf dem überdachten und mit weißen Säulen aus Sandstein abgestützten Eingangsbereich standen die aus Stahl gefertigten Lettern BREES INVEST.
Als sich eine Flügeltür elektronisch öffnete und ein Anzugträger herausstürmte, schlüpfte ich schnell an ihm vorbei. Hier herrschte gerade ein hektisches Kommen und Gehen.
Wow. Ich schluckte. Die Eingangshalle wirkte kühl und edel. Auf dem glänzenden Marmorboden lag ein dunkelblauer breiter Läufer, der zu den Aufzügen führte. An einer Wand hing ein monströser Flatscreen, auf dem tonlos CNN lief.
Ich entdeckte die Toiletten und lenkte meine Schritte in die Richtung.
Vor einem Standwaschbecken aus edlem Mineralguss ließ ich die Tasche auf die Fliesen plumpsen, streifte den Blazer ab und schüttelte die Tropfen aus.
Nachdem ich das klamme Teil wieder übergezogen hatte, stützte ich meine Hände ab, neigte mich vor, um das Desaster im Spiegel zu betrachten.
»Super, Katie«, stöhnte ich. »Wenn er dein Gesicht sieht, wirft er dich aus seinem Büro, bevor die erste Silbe deine Lippen verlässt.«
Ich schnappte mir ein Papiertuch, ließ das warme Wasser laufen und rubbelte die schwarzen Schlieren weg. Dass sich auf meiner Haut rote Flecken bildeten, konnte ich nicht verhindern.
Am liebsten würde ich mit dem Fuß aufstampfen. Mein Anblick war grauenhaft. Wenigstens trug ich den Knoten im Nacken. Die Frisur sah weiterhin passabel aus. Ich wollte mir keinesfalls vorstellen, was für ein grausamer Anblick ich erst gewesen wäre, wenn mir die nassen Haare am Kopf klebten.
Plötzlich ging die Tür auf.
Mein Blick huschte zur jungen Frau, die hineintrat. Ihre Augen wurden groß.
»Ach herrje«, platzte es aus ihr heraus. Sie drehte sich abrupt auf dem Absatz um und stürmte hinaus.
Ich starrte in den Spiegel. »Sehe ich dermaßen zum Weglaufen aus?«
Wieder öffnete sich die Tür.
Vergraulte ich die nächste Besucherin?
Ich wagte einen vorsichtigen Blick und schlagartig verzog sich mein Mund zu einem Lächeln, als ich die junge Frau wiedererkannte, die gerade erst aus der Toilette gestürzt war. Sie wedelte vor meiner Nase mit ihrem Schminktäschchen herum.
»Das bekommen wir hin«, sagte sie freundlich, öffnete das Täschchen und reichte mir zuerst ihre Puderdose, danach die Mascara.
»Meine Rettung«, seufzte ich dankbar und begann mein Gesicht herzurichten.
Zufrieden aufatmend gab ich ihr das Make-up zurück.
»Geht’s?«, fragte sie, während sie es verstaute.
»Ja, vielen Dank.«
Ich nahm einen tiefen Atemzug, reckte das Kinn und verließ die Toilette.
Gezielt steuerte ich auf die gepflegte Brünette am Empfang zu. Ihr blaues Kostüm hatte gewiss das Fünffache meines Blazers gekostet. Ich lächelte mein Unbehagen weg. Früher kleidete ich mich in Dolce & Gabbana, heute kaufte ich meine Klamotten im Macy’s.
»Willkommen bei Brees Invest, was kann ich für Sie tun?« Die Frau lächelte mich mit ihren rosafarbenen vollen Lippen und den perfekten Zähnen an. Sie war hochgewachsen und ich hatte keine Ahnung, wer der größere Eye-Catcher war, sie oder die großzügige, beleuchtete Designerfront der weißen Empfangstheke. Beide strahlten mich an.
»Guten Abend. Ich …« Ein Kloß setzte sich in meinem Hals fest und zwang mich zu einem Räuspern. »Ich bin Katie Valentine und möchte Mr. Jared Brees sprechen. Ist er im Haus?«
»Sie haben einen Termin, Miss Valentine?«
»Leider nein«, gestand ich, mein Herz pochte. »Ich komme ohne Termin, aber es ist sehr wichtig.«
Sie musterte mich, bevor sie den Telefonhörer in die Hand nahm. »Ich probiere, oben jemanden zu erreichen. Warten Sie bitte einen Augenblick.«
»Vielen Dank.« Ich lächelte hoffnungsvoll.
»Ah, meine Kollegin, sie kann Ihnen helfen.« Die Brünette legte den Hörer zurück. Ich drehte mich um und erkannte meine Retterin von der Toilette. Erst jetzt erfassten meine Augen ihren blonden Pagenkopf, das dunkelblaue Designerkleid und die Perlenkette. Sahen hier alle Frauen wie der Cosmopolitan entsprungen aus?
Sie kam uns entgegen, in der Hand das Schminktäschchen.
Wir sahen uns an. Ihre blauen Augen blitzten auf, als sie mich erkannte. »So schnell sieht man sich wieder«, sagte sie und wandte sich ihrer Kollegin zu. »Danke noch mal.« Sie reichte das Schminktäschchen herüber, das sogleich hinter dem Tresen verschwand.
»Du fährst doch wieder hoch, Ella.« Die Brünette deutete zu mir. »Könntest du Mr. Brees fragen, ob er Miss Valentine empfängt?«
»Es geht um die Whitebird, meine Fluggesellschaft. Ich wäre ihm sehr verbunden, wenn er sich ein paar Minuten Zeit für mich nehmen würde.« Ich strich mir angespannt über den klammen Blazer. Wegen der Feuchte muffte er.
»Ich frage ihn, aber versprechen kann ich nichts. Er geht heute früher.« Lächelnd nickte mir meine Retterin zu, drehte sich um und schwang ihre schmalen Hüften zum Aufzug.
Nach gefühlt einer halben Stunde, die ich am Tresen stand, rief sie an.
Auf der Stirn der Brünetten grub sich eine kleine Falte zwischen den schmalen Brauen. »Ja, richte ich ihr aus«, sagte sie und mich beschlich die Befürchtung, dass ich umsonst gekommen war.
Meine Sorge stellte sich als unbegründet heraus.
Sie zeigte lächelnd zu einer Gruppe weißer Ledersessel. »Mr. Brees meldet sich, wenn er Sie terminlich zwischenschieben kann. In der Besucherecke können Sie warten.«
»Danke«, antwortete ich und war froh, dass man mich nicht abgewimmelt hatte. Zwar war das seitens Mr. Brees keine Zusage, doch zumindest ein Hoffnungsschimmer.
Ich begab mich zu den Sesseln, sank in das weiche Leder und stellte die Tasche ab. Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass der Akku fast leer war. Jared Brees würde ich nicht mehr googeln können, obwohl ich jetzt Zeit dafür hätte. Stattdessen betrachtete ich die auf dem Beistelltisch aufgereihten Tageszeitungen. Wer wollte, konnte sich mit Perrier-Mineralwasser abfüllen. Brees Invest strotzte vor Reichtum. Sofort trieb mich wieder die Frage um, wofür Jared Brees die Whitebird brauchte.
Ich griff nach dem Wall Street Journal und blätterte die Seiten um, ohne eine Zeile zu lesen. Immer wieder huschte mein Blick zum Empfang. Nichts.
Die Minuten verrannen. Ich schaute zum Flatscreen. CNN verriet mir, dass es gleich sieben Uhr war.
Hieß es nicht, Mr. Brees würde früher gehen? Ich saß hier seit über einer Stunde und die ersten Zweifel regten sich in mir, dass er mich empfangen würde.
Zwei Männer verließen einen der Aufzüge. Sie waren in ein Gespräch vertieft. Der Ältere, im maßgeschneiderten, blauen Anzug, war grauhaarig und die goldfarbene Brille gab seinem Gesicht etwas Aristokratisches. Flüchtig sah ich zum jüngeren Mann, ohne ihn wirklich wahrzunehmen, weil meine Augen erneut zum Anzugtyp glitten. Ich zog die Brauen zusammen und überlegte, ob er Jared Brees war.
Verdammt, hätte ich bloß mein Handy aufgeladen.
Würde er einfach gehen und mich hier sitzenlassen?
Sollte ich sicherheitshalber nachfragen?
Ich zögerte. Vermutlich wäre das zu aufdringlich.
Letztlich wandte ich mich wieder der Zeitschrift zu.
»Mr. Brees!«, hörte ich unerwartet die Brünette rufen.
Sofort schossen meine Augen zur jungen Frau hinter dem Empfangstresen.
Ist er das?, fragte mein Blick.
Sie nickte.
Also doch. Er hatte mich vergessen oder es war ihm egal, dass ich auf ihn wartete.
Ich warf die Zeitschrift auf den Tisch, schnappte mir meine Tasche und schwang mich hoch. Konnte man auf High Heels einen Sprint hinlegen?
Yep, ich war der Beweis.
Ich stürzte hinaus.
Glücklicherweise hatte es aufgehört zu regnen. Nur feine Tröpfchen wirbelten durch die Luft. Vor dem Eingang sah ich mich hektisch um. Der Mann im Anzug verabschiedete sich von seinem Begleiter und winkte nach einem Taxi. »Warten Sie, Mr. Brees!«, rief ich und preschte ihm hinterher. Überhörte er mich absichtlich? »Das gibt’s nicht!« Ich knurrte meinen Frust heraus, als er auf die Rückbank glitt und das Taxi losfuhr.
»Mr. Brees!« Nicht jeder Pfütze konnte ich ausweichen. Trotzdem rannte ich mit wedelnden Armen auf das Taxi zu. Der Anzugtyp fuhr an mir vorbei und musterte mich einen Augenblick kühl durch seine Brille, während ich ungelenk auf meinen Mörderabsätzen nach hinten hüpfte, um dem Schwall Wasser auszuweichen.
»Das ist so was von fies!« Meine Augen schweiften zur gegenüberliegenden Seite. Der Bekannte von Brees verschwand in einer Bar.
Ich krallte die Finger um den Ledergurt meiner Tasche, bemühte mich, das Schluchzen zurückzuhalten, das mir aus dem Mund entweichen wollte.
Wie sollte ich jetzt noch mein Unternehmen retten, ohne ein konstruktives Gespräch mit Jared Brees geführt zu haben? Schlagartig war ich desillusioniert.
Erneut sah ich zur Bar. Es war schon längst sieben Uhr und ich fühlte mich schrecklich.
Warum nach Hause fahren?
Lieber spülte ich den Frust hinunter.
Zielgerichtet lief ich los.
La Joie stand in goldfarbener, verschnörkelter Schrift auf der halb verglasten Eingangstür.
Ob der Name ein Versprechen ist? Ein freudiges Gefühl könnte ich immerhin gebrauchen.
Die Bar war gut gefüllt. Am Tresen hievte ich meinen Hintern auf einen der wenigen freien Barhocker und dachte über die letzten zwei Stunden nach.
Ob Mr. Brees mich nicht empfangen hatte, weil es für ihn beschlossene Sache war, mir die Whitebird wegzunehmen?
Ich spürte ein unangenehmes Grummeln im Bauch.
Wenn er sich mein Unternehmen krallte, erhielt die Bank alles, was er mir bei der Übernahme zahlte. Das bedeutete, dass sie ohne finanziellen Schaden aus dem Kreditvertrag herauskäme. Ich würde als Loser zurückbleiben. Die Vorstellung war zu deprimierend.
»Hey«, winkte ich den Barkeeper heran. »Ich möchte einen Gin Tonic.« Ich hatte beschlossen, mir die Kante zu geben, um das ganze Drama wenigstens für einige Stunden zu vergessen.

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Impressum - Leseproben

Erste Auflage 2022
Copyright © 2022 by Jenna Stean
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Die Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu jedweden Personen sind rein zufällig.

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